Hörbücher
Fair Player oder Foul Player?
Vier Schüler, die nicht unterschiedlicher sein könnten, tun sich für ein Projekt ihrer Schule im Rahmen eines nationalen Umweltschutzwettbewerbs zusammen: Kera, das Mädchen aus wohlsituiertem Hause, das nicht locker lässt, bis sich ein Problem gelöst hat; Leonard, der zurückgezogene Einserschüler mit fabelhaften Programmier- und Hackerkenntnissen; Elodie, die Influencerin, die mit ihrem Blog Werbung für Make-up und Mode macht, aber Details über ihr Privatleben verheimlicht; Max, der Schönling, der sich nur für das Projekt engagiert, weil er seine schlechten Noten ausgleichen muss, um versetzt zu werden.
Jeder der vier Oberstufenschüler bringt sich auf seine Weise in das Projekt "Fair Play" ein. Kera hatte die Idee zu der App, die die Umweltsünden seiner Benutzer gnadenlos aufdeckt und bei zu stark strapaziertem Punktekonto, z. B. für den geliebten Coffee-to-go, eine bequeme Fahrt mit dem Auto statt mit dem Fahrrad oder ein herzhaftes Steak, den Status von Grün auf Rot springen lässt und somit allen anderen Social-Media-Kontakten anzeigt, dass man sich wenig umweltfreundlich verhalten hat.
Leonard ist derjenige, die die App programmiert hat, Elodie bewirbt sie auf ihrem Blog und berichtet über ihre eigenen Erfahrungen mit der ständigen Überwachungen ihres klimaschädlichen Verhaltens. Max ist das Graphikgenie der Vierertruppe und steuert Logo und Design der App bei.
Was die Vier zu Beginn des Projekt sicher nicht geahnt haben, ist, dass es nicht nur gnadenlos ihre Umweltsünden aufdeckt und sie viel über klimabewusstes Verhalten lernen, sondern dass ihr aller Leben sich radikal ändern wird. Da es sich um ein Schulprojekt handelt, zählen auch die Umweltsünden derer mit, die die App nicht benutzen, so dass diejenigen, die mitmachen, noch bewusster und entbehrungsreicher leben müssen, damit das Punktekonto am Ende des Projekts auf Grün steht. Das schürt Unmut und führt dazu, dass sich schnell zwei Lager bilden: die "Fair Player" und die "Foul Player". Dass aber auch bei den Fair Playern nicht immer ganz fair gespielt wird, müssen die vier Initiatoren in ihren eigenen Reihen erfahren.
Die deutsche Autorin Kerstin Gulden siedelt ihren Jugend- und All-Age-Roman in einer Gruppe von Elftklässlern an einem Berliner Gymnasium an. Aktueller könnte das Thema nicht sein: Wie führe ich ein klimaneutrales Leben und wie kann mir eine App dabei helfen? Konfliktpotenzial entwickelt sich aus der Situation, dass unter den Schülern eine Art Wettbewerb entsteht, der die Schwächen der Social-Media-Welt aufdeckt, in der alles öffentlich und nichts privat ist - eben auch nicht das eigene Verhalten in Sachen Umweltschutz. Der eigene Verzicht schürt Gefühle wie Neid und Eifersucht und mündet schnell in Mobbing.
Gelesen wird der Jugendroman in der ungekürzten Hörbuchfassung von vier verschiedenen Sprechern, Merete Brettschneider, Julian Greis, Pascal Houdus und Toini Ruhnke, was eine logische Folgerung ist, da der Roman aus vier verschiedenen und regelmäßig wechselnden Perspektiven geschrieben ist. Durch die wechselnden Sprecher, die ihren jeweiligen Figuren eine einzigartige Stimme verleihen, kommt auch auf der Tonspur und nicht nur inhaltlich sehr viel Abwechslung in den Roman. Der Perspektivenwechsel wird dem Hörer dadurch erleichtert.
In Zeiten, in denen eine Autorin wie Ursula Poznanski mit ihren Jugendromanen wie "Erebos" oder "Cryptos", die in einer digital geprägten Welt - ob gegenwärtig oder zukünftig - spielen, große Erfolge feiert, wird auch ein Roman wie "Fair Play" beim jugendlichen Publikum gut ankommen. Schon beim Lesen des Plots fällt gerade der älteren Generation auch noch eine bekannte Schullektüre, die von Anfang der 1980er-Jahre stammt, ein, nämlich "Die Welle" von Morton Rhue. Damals noch ohne Apps und soziale Medien, aber genauso brisant, was die Spaltung einer Schulgemeinde angeht. "Fair Play" ist "Die Welle" des 21. Jahrhunderts.
Sabine Mahnel
28.06.2021
