Wissenschaften

Geschichtswissenschaft als Studium und Forschungsfeld

Das "Studienbuch Geschichte" richtet sich zwar, wie der Name suggeriert, insbesondere an Studierende, aber auch für andere Leser, die sich einen Überblick über die Geschichtswisschaft verschaffen wollen, dürfte der Band interessant sein. Die Herausgeber haben den Versuch unternommen, ein möglichst breites Spektrum an Themen abzudecken. Die zwischen 10 und 20 Seiten langen Beiträge, die zum Teil von namhaften Autoren verfasst sind, konzentrieren sich je auf eine Facette der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Schon der Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass hier sehr heterogene Aspekte des Geschichtsstudiums und des wissenschaftlichen Arbeitens aufgegriffen werden. Während Jürgen Kocka in einem Eingangskapitel den Wissenschaftsanspruch der Historikerzunft darlegt, folgt darauf ein Beitrag zu möglichen Berufsfeldern für Historiker. Dieses erste Themenbündel, überschrieben als "Geschichte als Wissenschaft und Beruf", ist in gewisser Weise typisch für den gesamten Band. Die beiden Autoren versuchen, dem Leser die Geschichte als Studienfach und Forschungsfeld schmackhaft zu machen, indem sie auf der einen Seite sehr tiefgreifend über die Ansprüche des Faches reflektieren, auf der anderen Seite sehr pragmatisch darlegen, welche Berufsfelder am Ende eines Studiums stehen können.

Der Abschnitt "Das Material und die Ordnung der Geschichte" beginnt mit einem Überblick über Quellengattungen, Archive und den Umgang mit historischen Zeugnissen, wendet sich dann aber den zentralen Konzepten der Geschichtswissenschaft zu. Mit je einem Beitrag zu Zeit und zu Raum geht Jürgen Osterhammel gleichermaßen auf eine traditionelle Perspektive ein – Vergangenheit in Epochen zu strukturieren und zeitliche Abläufe zu hinterfragen – und den aktuellen Trend, Fragen nach räumlichen Logiken historischer Phänomene zu stellen. Ergänzend dazu mahnt Ralph Jessen in seinem Beitrag an, dass unterschiedliche Fragestellungen dazu führen, jeweils andere Aspekte der Geschichte in den Vordergrund zu stellen, wie es sich etwa in Kontroversen zwischen Gesellschaftsgeschichte und Kulturgeschichte gezeigt hat.

Der darauf folgende Abschnitt ist "Geschichtswissenschaftlichem Denken und Forschen" gewidmet. Darunter verstehen die Herausgeber Fragen, die jeder Historiker für sich klären muss, um seine Arbeit in der Forschungslandschaft zu verorten. Da geht es zum einen darum, den eigenen Standpunkt zu reflektieren, und das Bewusstsein darum, dass Forschungsergebnisse immer auch mit der Perspektive des Forschenden zusammenhängen. Zum anderen wird in diesem Teil des "Studienführers" auch das Wechselspiel zwischen theoretischen Leitgedanken und methodischer Herangehensweise thematisiert. Wichtig ist, so die Autoren der entsprechenden Beiträge, dass Theorie und Methoden mit dem Forschungsgegenstand und den verfügbaren Quellen im Einklang stehen. Auf keinen Fall, und an dieser Stelle wird die Darstellung wieder ausgesprochen pragmatisch, sollten sich Studierende von übermächtig erscheinenden Theoriegebäuden und "name-dropping" blenden lassen.

Ebenso pragmatisch setzt sich der letzte Abschnitt des Bandes fort. Darin werden die "Schlüsselkompetenzen" beschrieben, die auch für solche Studentinnen und Studenten wichtige Lernziele eines Geschichtsstudiums sind, die ihre Karriere nicht im universitären Bereich fortsetzen. Recherchieren, Lesen, Schreiben und Präsentieren sind die Fähigkeiten, die im Studium erlernt werden können – wofür sich, so die These der Autorinnen und Autoren, ein Studium der Geschichte ganz besonders eignet. Die Ausführungen zu "Schlüsselkompetenzen" sind besonders detailliert und ergänzt durch viele konkrete Beispiele. Die Beiträge beschreiben, ohne dabei trocken zu wirken, wie man Informationen findet, filtert und diese dann klar und überzeugend darstellen kann. Angegliedert ist ein Serviceteil mit Informationen zu den diversen Studienvoraussetzungen und -möglichkeiten sowie Adressen weiterführender Internetangebote.

Seinem Anspruch entsprechend, Studierende und Interessenten über die Grundlagen der Geschichtswissenschaft zu informieren, übt sich das Buch in einem Spagat zwischen pragmatischer Anleitung zum Geschichtsstudium und einem Abriss der großen Themen und Tendenzen der Forschung. Die meisten Beiträge sind so geschrieben, dass sie auch komplizierte Zusammenhänge allgemein verständlich darstellen, was das Buch auch in den Passagen, in denen komplexe Sachverhalte beschrieben werden, leicht lesbar macht. Auch die Aufmachung motiviert zum Weiterlesen und unterstützt das Verständnis. So werden die einzelnen Kapitel jeweils mit einer, zumeist bildlichen, Quelle eingeleitet. Als Aufhänger der jeweiligen Beiträge gelingt es den Autoren unterschiedlich gut, diese Eingangsquellen zu integrieren. In jedem Fall lockern sie den Text aber auf.

Das "Studienbuch Geschichte" ist schwer einzuordnen, weil es Dinge miteinander verbindet, die normalerweise nicht in dieser Form nebeneinander stehen, nämlich die fundierte Reflektion der Disziplin Geschichtswissenschaft und eine pragmatische Anleitung zu deren Studium. Im Laufe eines erfolgreichen Studiums sollte man in der Tat beides kennengelernt haben und in der Lage sein, eigene Projekte kritisch in die Forschungslandschaft einzuordnen und über das Handwerkszeug für Recherche und Darstellung verfügen. Das vorliegende "Studienbuch“ versucht genau diese beiden Lernziele zu vereinen. Diese Kombination ist spannungsreich und fruchtbar, aber man fragt sich gelegentlich, ob ein anderer Zuschnitt der Themen oder eine andere Anordnung der Kapitel nicht sinnvoller gewesen wäre.

Das Buch macht Lust auf das Studium der Geschichte, beinhaltet viele wichtige und richtige Hinweise, die man beachten sollte, wenn man sich für das Studium interessiert, und gibt Einblicke sowohl in die Tiefe als auch die Breite des Faches. Als Anleitung taugt es allerdings weniger, dazu ist die Rückbindung an die großen Fragen der Wissenschaft größtenteils zu komplex. Der "Studienführer Geschichte" bietet gewissermaßen einen Vorgeschmack, aber keinen Leitfaden für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Sebastian Haumann
29.09.2008

 
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Das Buch:

Gunilla Budde, Dagmar Freist, Hilke Guenther-Arndt (Hg.):
Geschichte. Studium - Wissenschaft - Beruf (Akademie Studienbücher - Geschichte)

Bild: Gunilla Budde, Dagmar Freist und Hilke Guenther-Arndt (Hg.), Geschichte. Studium - Wissenschaft – Beruf (Akademie Studienbücher – Geschichte)

Berlin: Akademie Verlag 2008
301 S., € 19,80
ISBN: 978-3-05-004435-4

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