Hörbücher

Mittendrin im Scherbenhaufen

Der elfte Monat des Jahres 1918 ist wohl als einer der schicksalsträchtigsten und ereignisreichsten Monate in die deutsche Geschichte eingegangen. Nach mehr als vier Jahren Krieg Der elfte Monat des Jahres 1918 ist wohl als einer der schicksalsträchtigsten und ereignisreichsten Monate in die deutsche Geschichte eingegangen. Nach mehr als vier Jahren Krieg - und dies in einem Ausmaß, das die Welt bis dahin nicht kannte - stand die Niederlage Deutschlands so gut wie fest. Beginnend mit einem Matrosenaufstand in Kiel gelangte die Lawine ins Rollen. Die Republik wurde ausgerufen, der Kaiser dankte ab und floh in die Niederlande. Im Deutschen Reich und in den Köpfen der Menschen herrschte eine Verwirrung sondergleichen. Dabei sollte das Ende des Ersten Weltkriegs doch eigentlich die Weichen für ein friedliches Europa stellen. Dass es letztlich ganz anders kam, ist hinlänglich bekannt.

Der deutsche Schriftsteller Alfred Döblin wird stets in einem Atemzug mit seinem Hauptwerk "Berlin Alexanderplatz" genannt. Doch hat der 1878 in Stettin geborene Döblin eine viel breitere Bibliographie zu bieten. Mit seinem historischen Roman "November 1918", der mit insgesamt über 2000 Seiten Döblins umfangsreichstes Werk ist, hat er ein facettenreiches Bild des Zustands im Deutschen Reich zu zeichnen versucht, das seinesgleichen sucht. Insbesondere im Zuge des aktuellen Gedenkens an die hundertjährige Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs erfährt dieser Roman, in dem der Autor seine Protagonisten durch das Chaos dieser Zeit wandeln lässt, ein hohes Interesse.

Der Jude Döblin war 1933 ins Exil gegangen, bevor er nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder nach Deutschland zurückkehrte. Während dieser Zeit im Ausland schrieb er sein Mammutwerk über das Ende des Ersten Weltkriegs, jedoch musste er sich mit einer Veröffentlichung noch einige Jahre gedulden. Erst im Jahre 1978, über zwanzig Jahre nach Döblins Tod, war eine vollständige Ausgabe verlegt worden. "November 1918" umfasst insgesamt vier Bände. Den Schauplatz im ersten Band bildet das Elsass, wo sich verschiedene Handlungsstränge um die Auflösung des Heeres ranken. Im zweiten Band erfolgt der Schwenk nach Berlin auf Ebert und Liebknecht, die sich um Führung bemühen. Der dritte Band hat die Männer und Frauen im Blick, die desillusioniert und orientierungslos aus dem Krieg nach Hause gekehrt sind. Der abschließende vierte Band fokussiert sich auf die Revolutionäre Liebknecht und Luxemburg.

Das vorliegende Hörspiel zu Döblins "November 1918" widmet sich den ersten drei Bänden dieser Tetralogie. Über fünfzig, durchweg hochkarätige Sprecher haben sich für dieses Hörspektakel zusammengefunden. Mit Dietmar Bär, der den späteren Reichskanzler Friedrich Ebert spricht, oder Hans-Peter Hallwachs als Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg sitzen wahre Schwergewichte vor den Mikrofonen. Für die Passagen mit den übergreifenden Informationen konnte mit Jan Hofer als Sprecher der perfekte Mann gewonnen werden, schließlich ist Hofer hauptberuflich als Tagesschau-Sprecher in einer ähnlichen Rolle tätig. Des Weiteren melden sich mit Jens Wawrczeck, Burghart Klaußner oder Friedhelm Ptok allesamt Männer zu Wort, die schon sehr viele Jahrzehnte Erfahrung in Sachen Hörbücher und Hörspiele mitbringen.

Von der Sprecherleistung stellt "November 1918" mit dieser prominenten Riege das absolute Nonplusultra dar. Natürlich hat man versucht, bei der Überführung von Döblins Mammutroman in ein Hörspiel dem geneigten Audio-Freund ein konsumentengerechtes Extrakt vorzulegen. Doch bei der Vielzahl an auftretenden Charakteren kann man leider sehr schnell den Überblick verlieren, wenn man nicht ständig das Booklet mit den Mitwirkenden und ihren Sprechern in Händen hält. Zwar gibt es beispielsweise mit den beiden Kriegsheimkehrern Friedrich Becker und Johannes Maus schon ausgewiesene Hauptstränge, doch bestraft die Turbulenz der Ereignisse zusammen mit dem Stimmengewirr die kleinste Unaufmerksamkeit des Hörers - und Schwupps hat man den Faden verloren und darf sogleich einige Tracks zurückspulen.

Dennoch ist die vorliegende Gemeinschaftsproduktion von NDR und SWR, wo dieses Hörspiel im vergangenen Juni seine Premieren feierte, nicht hoch genug zu loben. Hier ist es gelungen, einen historischen Schinken, der aufgrund seines Umfangs viele Leser abschreckt und bereits über viele Jahrzehnte hinweg erfolgreich abgeschreckt hat, so aufzuarbeiten, dass jeder geschichtsinteressierte Mensch einen Zugang zu diesem Werk finden kann. Denn mit "November 1918" liefert Döblin ein derart umfassendes Bild über die Irrungen und die Wirrungen im Deutschen Reich, so dass man nachvollziehen kann, wie und warum so manche Entscheidungen getroffen wurden und letztlich der Nährboden für die noch viel größere Katastrophe bereitet wurde.

Christoph Mahnel
11.08.2014

 
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Das Buch:

Alfred Döblin:
November 1918

Bild: Buchcover Alfred Döblin, November 1918

Sprecher: Sebastian Rudolph, Laura Maire, Jakob Diehl, u.v.a.
München: Der Hörverlag 2014
Spielzeit: 262 Min., € 24,99
ISBN 978-3-844-51458-2

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