Hörbücher

Aus der kriminellen Ader Dürrenmatts

Der vor gut zwei Jahrzehnten verstorbene Friedrich Dürrenmatt gilt neben seinem Landsmann Max Frisch als der bedeutendste Schriftsteller der Eidgenossen. Werke wie "Der Besuch der alten Dame" und "Die Physiker" gehören zur großen Literatur des 20. Jahrhunderts. Doch besaß Dürrenmatt laut seiner Frau auch ein Übermaß an krimineller Energie. Diese entlud sich glücklicherweise in einer frühen Schaffensperiode in den Fünfziger Jahren, als Dürrenmatt unter anderem die drei auf der vorliegenden Hörbuch-Box enthaltenen Kriminalromane schuf.

In zwei der drei Kriminalromane obliegt die Hauptrolle dem todkranken Kommissär Hans Bärlach, wobei man beachte, dass es sich um einen Kommissär und nicht um einen Kommissar handelt! In "Der Richter und sein Henker" wird einer von Bärlachs fähigsten Mitarbeitern bei der Berner Polizei, Ulrich Schmied, erschossen aufgefunden. Zusammen mit seinem Kollegen Tschanz nimmt Bärlach die Ermittlungen auf, wobei der undurchsichtige Gastmann, ein alter Bekannter Bärlachs, ins Visier der Untersuchungen gerät. Lange wird der Hörer an der Nase herumgeführt, bevor ihm erst sehr spät, dann aber mit aller Vehemenz klar wird, wer in diesem Roman die Rolle des Richters und wer die des Richters Henker einnahm.

Wenige Zeit später ist der zweite Krimi mit Kommissär Bärlach angesiedelt: In "Der Verdacht" ist die Erkrankung Bärlachs bereits weiter vorangeschritten, und er befindet sich bei Samuel Hungertobel, einem befreundeten Arzt, in Behandlung. In dessen Klinik gerät ihm eine Ausgabe des Life-Magazins in die Hände, wo der deutsche KZ-Arzt Nehle aus dem Lager Stutthof abgebildet ist. Hungertobel stellt dabei eine große Ähnlichkeit mit dem renommierten Schweizer Arzt Emmenberger, einem ehemaligen Studienkollegen, fest. Nehle hatte seine Operationen im Konzentrationslager ohne Narkose durchgeführt, sich angeblich aber 1945 selbst gerichtet. Um der Frage nachzugehen, ob Nehle und Emmenberger ein und dieselbe Person sind, begibt sich Bärlach zu weiteren Untersuchungen direkt in die Höhle des Löwen, nämlich in Emmenbergers Klinik Sonnenstein.

Einem breiten Publikum am bekanntesten dürfte die dem dritten Kriminalroman zugrundeliegende Story sein. "Das Versprechen" wurde nämlich basierend auf Dürrenmatts Drehbuchvorlage zu einem der größten deutschsprachigen Krimi-Klassiker geschrieben. "Es geschah am hellichten Tag" aus dem Jahre 1958 mit Heinz Rühmann als Kommissar Matthäi und dem brillanten Gert Fröbe handelt von einer Mordserie an Kindern. Jedoch war Dürrenmatt von der filmischen Umsetzung nicht vollends begeistert, so dass er mit "Das Versprechen" dem Drehbuch einen Roman folgen ließ, der durchaus eine andere Richtung einschlägt als sein eigenes Drehbuch für "Es geschah am hellichten Tag".

Die ungekürzten Lesungen dieser drei Kriminalromanklassiker aus der Feder Dürrenmatts werden vom Diogenes Verlag in einer ansprechenden und ansehnlichen Box geliefert, die einem einen hochwertiges Vergnügen über gut zwölf Stunden hinweg bietet. Für die Lesung konnten die Schweizer Verleger den deutschen Schauspieler Hans Korte gewinnen. Korte, der lediglich acht Jahre nach Dürrenmatt das Licht der Welt erblickte, überzeugt dabei mit seiner unverwechselbaren Stimme. Wenn er selbige erhebt, dann nimmt höchst realistisch Ernsthaftigkeit und die Strenge der Obrigkeit den Raum ein. Ob dieser gelungenen Wahl verzeiht man dem Diogenes Verlag auch die leicht missverständlichen Ausführungen auf der Rückseite der Box, wo die zeitliche Reihenfolge der Bärlach-Romane einen zu einer falschen chronologischen Herangehensweise an die beiden Krimis verleiten mag.

Dürrenmatts Kriminalromane sind, obgleich natürlich auch bei ihm Kommissare respektive Kommissäre ermitteln, keine normalen Kriminalromane, sondern spürbar literarisch angehaucht. Sie besitzen einen Fokus auf die Ausgestaltung der Charaktere, anstatt dass sie mit actionreicher Handlung um die Ecke kommen. Letzteres würde man per se aber auch nicht von einem Berner wie Hans Bärlach erwarten, schließlich sind sogar für Schweizer Verhältnisse die Berner für ihre fast schon sprichwörtliche Langsamkeit berüchtigt.

Auch ist es höchst ungewöhnlich für einen Kriminalroman, dass man als Hörer versucht ist, die Handlungen und deren Hintergrund zu analysieren und interpretieren. Und in der Tat wird man bei diesem Bestreben schnell fündig, findet sich doch einiges an Sekundärliteratur zu Dürrenmatts Kriminalromanen, in der reichlich Interpretationsansätze geliefert und diskutiert werden. Solches wird man vom gemeinen Kriminalroman garantiert nicht behaupten können. Des Weiteren überrascht Dürrenmatt seine Leser und Hörer damit, wie er die Situationen bisweilen ins Groteske und Surreale abgleiten lässt, wenn zum Beispiel Bärlach in "Der Verdacht" nächtliche Besuche merkwürdiger Charaktere an seinem Krankenbett erhält.

Dürrenmatts Protagonisten sind anders als branchenüblich keine strahlenden Helden. Zwar lässt er Bärlach zweimal erfolgreich ermitteln, doch beobachtet man dabei den raschen körperlichen Verfall des todkranken Kommissärs. In "Das Versprechen" lässt Dürrenmatt seinen Hauptdarsteller gar physisch und psychisch am Fall zugrunde gehen. Für Fans anspruchsvoller Kriminalliteratur bieten die vorliegenden Romane Dürrenmatts alles, was das Herz begehrt, und werden nach dem ersten Hören sicherlich nicht auf einem Ablagestapel verschwinden, sondern gewiss in absehbarer Zeit wieder einmal hervorgeholt werden.

Christoph Mahnel
09.01.2012

 
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Das Buch:

Friedrich Dürrenmatt:
Drei Kriminalromane

Bild: Cover Friedrich Dürrenmatt, Drei Kriminalromane

Sprecher: Hans Korte
Zürich: Diogenes Verlag 2011
Spielzeit: 721 Min., € 39,90
ISBN: 978-3-257-80318-1

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