Hrbcher

In Mondsee am Mondsee

Veit Kolbe ist ein junger Mann in besten Jahren, der diese jedoch für den Führer und sein von den Deutschen annektiertes Österreich an der Ostfront in Russland verbringen muss. Aufgrund einer dort erlittenen Verletzung wird ihm Genesungsurlaub in der Heimat gewährt. Nach einem Besuch bei den Eltern in Wien verschlägt es ihn zu Verwandten nach Mondsee am gleichnamigen See, unterhalb der Drachenwand, einer beeindruckenden Felswand am Westufer des Mondsees. Dort verbringt Kolbe einige Monate des Jahres 1944 und trifft auf Menschen, die abseits der Kriegshandlungen in der Heimat ihr zwar vom Krieg stark beeinflusstes, aber doch völlig normales Leben bestreiten. Zu zwei Frauen, Margot und Margarete, entwickelt er eine engere Bindung, sind doch auch sie geprägt davon, was der Krieg von ihrem bisherigen Leben und ihren Träumen übriggelassen hat.

"Unter der Drachenwand" heißt der neueste Roman des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger. Vor sieben Jahren war ihm mit "Der alte König in seinem Exil" ein erster Bestseller gelungen. In diesem rührseligen Werk taucht Geiger in die Welt seines Vaters August Geiger ein, der an Alzheimer erkrankt und dement ist. Sehr präzise beschreibt er darin das Zusammenleben mit dem dementen Vater und das Wechselspiel von dessen hellen und dunklen Momenten. Von den Kritikern begeistert aufgenommen erhielt er gar eine Nominierung für den Leipziger Buchpreis im Jahr 2011. Ab sofort war Arno Geiger ein intensiv beobachteter Autor, da er mit seinen feinsinnigen Beobachtungen glänzte wie kaum ein anderer Schriftsteller. In die gleiche Kerbe schlägt er nun im vorliegenden Werk, wenn er zum Besten gibt, was die Menschen während des Zweiten Weltkriegs abseits der Schlachtfelder interessierte und antrieb.

Wenig verwunderlich ist parallel zum Roman sogleich ein Hörbuch verlegt worden. Hörbuch Hamburg hat mit einer ungekürzten Lesung dafür gesorgt, dass keine Zeile der Buchausgabe verloren geht. Auf elf CDs liest mit Torben Kessler ein Sprecherschwergewicht die knapp vierzehneinhalb Stunden. Punktuelle Unterstützung hat er dabei von drei Sprecherkollegen erhalten, die bei Perspektivwechseln in der Erzählung einspringen und diese drei Charaktere intonieren. Die Anteile von Michael Quast, Cornelia Niemann und Torsten Flassig sind jedoch verschwindend gering im Vergleich zur gesamten Lesung. Kessler beweist zum wiederholten Male, warum er momentan einer der gefragtesten Sprecher für Hörbuchverlage ist. "Unter der Drachenwand" wird von ihm so interpretiert, dass man sich als Hörer mitten im Geschehen wähnt und glaubt, ganz nah bei den handelnden Figuren zu sein.

Veit Kolbes primäre Sorgen gelten nachvollziehbarerweise der potentiellen Wiedereinberufung. So muss er sich durch die eine oder andere Nachuntersuchung schlängeln, ohne dass die scheinbar endlose Zeit am Mondsee ein Ende finden muss. Er trifft dort im Salzkammergut auf einen Brasilianer, der von seiner Heimkehr nach Rio schwärmt, auf Schulklassen in Schwarzindien und auf ein ambivalentes Bild von Meinungen über den Führer und das großdeutsche Reich. Geiger begleitet den Hörer in die Gedankenwelt Veit Kolbes, der nach Jahren an der Front sich nun mit den Menschen auseinandersetzen darf, die sich über andere Themen Gedanken machen dürfen als über den nächsten Angriff oder die x-te schlaflose Nacht unter feindlichem Beschuss. Es sind die alltäglichen Abläufe, die für den Protagonisten wie Neuland daherkommen und die ihn in Überlegungen eintauchen lassen, was gewesen wäre, wenn der Krieg nicht gewesen wäre.

Zwar hat man im Laufe der fast fünfzehn Stunden an der einen oder anderen Stelle das Gefühl, dass die Handlung ein wenig langatmig vor sich dahin plätschert. Doch gilt für "Unter der Drachenwand", dass der Weg das Ziel ist, da es außer dem Herbeisehnen des Kriegsende nichts gab, auf das man hätte hinfiebern können in dieser Zeit. Die Tagebucheintragungen Veit Kolbes lassen den Hörer daher leise, aber packend, weil absolut realitätsnah an einer Zeit und an einem Ort teilhaben, die in keinem Geschichtsunterricht gelehrt werden. Anders als bei den dort dozierten Ereignissen und Schlachten geht es hier darum, wie der Alltag ablief und was die Menschen seinerzeit prägte. Kein lautes und martialisches Tamtam, keine die Grenzen des Vorstellbaren sprengenden Gräueltaten, sondern reales Leben, das es sogar anno 1944 mitten in Europa gab.

Christoph Mahnel
04.06.2018

 
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Das Buch:

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

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Sprecher: Torben Kessler, Michael Quast, Cornelia Niemann, Torsten Flassig
Hamburg: Hrbuch Hamburg 2018
Spielzeit: 864 Minuten, 26,00
ISBN: 978-3-95713-120-1

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