Romane

Literatur von Meisterhand geschrieben

Am 19. Juni um vier Uhr nachts wird Christian Haller von einem dumpfen Schlag geweckt. Es dauert einige Zeit, bis er begreift, was dieser dumpfe Schlag bedeutet: Die Terrasse seines Hauses wurde vom Hochwasser des vorbeifließenden Flusses in die Tiefe gerissen. Aber nicht nur sein Haus ist bis in die Grundfesten erschüttert, auch sein Lebensfundament ist mit einem Mal untergraben und zeigt bedenkliche Risse. Diese Einsicht erschreckt den gerade siebzig Jahre alt gewordenen Autor, sie lähmt ihn aber nicht. Er weiß, wie er dem Schrecken begegnen kann - mit Erzählen. Und dieses Erzählen führt in die Tiefen seiner Erinnerung. Sie führt ihn vom Zweiten Weltkrieg hin zum Dasein als Künstler der Sprache, wie Haller einer ist.

Haller erblickt an einem Wintermorgen des Jahres 1943 das Licht der Welt. Und diese ist geprägt von Zerstörung. Ein Überleben zu dieser Zeit scheint beinahe unmöglich. Doch schnell zeigt sich Hallers Kampfgeist, der ihm stets erhalten bleibt - zum Beispiel, als er von seinem Lehrer Stirnimann zu Unrecht vor der ganzen Klasse niedergemacht wird. Oder als er als Teenager von einem angesehenen Professor als "Betrüger" bezeichnet wird, weil er sich mit seinen 13 Jahren archäologisch betätigt. Niemals gibt Haller auf. Und wenn doch, dann sucht er sich ein neues "Hobby". Bis er schließlich eines Tages beim Schreiben landet und damit seine Berufung findet. Hier kann er seinen Emotionen endlich Ausdruck verleihen und ihnen Kraft geben.

Von seiner Leidenschaft für das Theater erzählt Haller, von der ersten Liebe und von dem unbezwingbaren Hang, den Anforderungen der Wirklichkeiten auszuweichen und sich in Ersatzwelten zu flüchten. Und er erzählt zugleich von der verblüffenden Fähigkeit, sich in diesen Ersatzwelten mit einer Macht einzurichten, dass er in der Realität doch bestehen kann. Mit der Erfordernissen das rauen Alltags klarzukommen, ist nicht leicht, insbesondere nicht, wenn man seine Zeit mit dem Verfassen von Gedichten oder in Schauspielseminaren verbringt...

Unterhaltung, die einfach alles in den Schatten zu stellen vermag - unter den Schweizer Schriftstellern ist Christian Haller einer der ganz Großen. Das beweist er auch mit "Die verborgenen Ufer". Was man hier in die Hand bekommt, ist Lesegenuss pur. Stundenlang kann man das vorliegende Buch gar nicht mehr aus der Hand nehmen. Denn in diesem steckt Literatur auf höchstem Niveau. Haller beherrscht sein Schreibhandwerk in Perfektion. Er erzählt seine Geschichten dermaßen fesselnd, dass man mit der Lektüre gar nicht mehr aufhören kann. Und außerdem erzählt er diese mit besonders viel Gefühl, sodass man nach nur wenigen Seiten mit dem Weinen nicht mehr aufhören kann. Seine Worte sind die hellfunkelndste und schönste Poesie auf der Welt.

"Die verborgenen Ufer" ist definitiv eine Geschichte, wie man sie nicht alle Tage liest. Christian Haller trifft mit seinem autobiographischen Roman den Leser im tiefsten Herzen und rührt ihn zu Tränen. Hier zeigt sich: Die Werke des Autors sind literarische Juwele - und das vorliegende ist mindestens ein hochkarätiger Diamant, wenn nicht sogar Brillant. Dieses Buch sollte man deshalb hüten wie einen kostbaren Schatz.

Susann Fleischer
29.02.2016

 
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Das Buch:

Christian Haller: Die verborgenen Ufer

Mnchen: Luchterhand Verlag 2015
256 S., 19,99
ISBN: 978-3-630-87465-4

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