Romane

Joachim Grosse - Wieder ein Fresser mehr

Der autobiografische Roman, der die Kinder- und Jugendjahre eines Jungen Mitte des 20. Jahrhunderts schildert, wurde in der Ich-Perspektive niedergeschrieben. Der Protagonist wächst als zweitjüngstes von fünf Kindern in einem kleinen Dorf in Westdeutschland auf. Ausführlich werden die Umgebung und die Lebensverhältnisse dieser Zeit beschrieben. Nicht nur die der Familie, sondern auch die der Gesellschaft. Von Flüchtlingen aus dem Osten ist ebenso die Rede wie von Zigeunern und anderen Religionen.

Doch das Augenmerk liegt auf Willi und seiner Geschichte. Er lebt ein Leben, wie es damals viele leben:

Es gibt wenig Geld, dafür viel Hunger; wenig Zeit für Zärtlichkeiten, dafür viel Gewalt; wenig Freizeit, dafür viel Arbeit. Und dennoch: jedes Leben hat seine schönen Zeiten, wenn man mit den Freunden am Bach spielen, auf dem Hausschwein reiten oder mit der ersten Freundin die Liebe kennenlernen kann. Denn der Titel "Wieder ein Fresser mehr" spiegelt die Gefühle wider, die Willi seinem Vater unterstellt, der sich kaum um die Kinderschar kümmert und nur genervt zu sein scheint. Und dennoch ist der Protagonist am Ende der erzählten Geschichte überzeugt, dass eben dieser Vater stolz auf ihn ist, als er seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat. Und es ist ihm wichtig. Denn Liebe von den Eltern und zu den Eltern ist nicht immer einfach, aber eigentlich immer existent.

Bedingt durch die Ich-Erzählsituation ist die Handlung selbstverständlich durch die Darstellung subjektiver Gefühlszustände, Meinungen und Sichtweisen des Autors geprägt. Grosse hat oft keine kritische Distanz zu seiner Erzählung, was in einer nennenswerten Besonderheit des Buches gipfelt: Grosse lockert die Handlung mit vielen Einschüben auf, die eine große Themenvielfalt behandeln. Grosse befasst sich zum Beispiel mit der damaligen und heutigen Einwanderungspolitik - eine brandaktuelles Problematik. Ebenso macht er sich Gedanken über die heutige Kinderlosigkeit, die vielleicht auch durch die Vielzahl der neuen Multimedia-Techniken bedingt ist. Deutlich wird die Meinung des Autors, wenn er Kritik an Krieg generell, dem Kalten Krieg im Speziellen und Vorurteilen allgemein übt.

Joachim Grosse erzählt all diese kleinen und großen Begebenheiten auf insgesamt 318 Seiten, die in einem flüssigen, durch viele kurze Sätze geprägten, Schreibstil gehalten sind. Gerade diese kurzen Sätze, manchmal bis auf Stichworte reduziert, machen das Buch authentisch und liebenswert.

Insgesamt ist die Sprache abwechslungsreich und sehr direkt. Dies äußert sich maßgeblich in den persönlichen Kommentaren des Verfassers, die immer wieder durch kurze Hinweise in Klammern eingestreut werden. All dies erweckt den Eindruck, der Autor würde dem Leser gegenüber sitzen und diesem ganz intim, unter vier Augen, seine Lebensgeschichte erzählen, was den Reiz des Buches noch verstärkt.

Hugo Meyer
08.02.2016

 
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Das Buch:

Joachim Grosse: Wieder ein Fresser mehr

Frankfurt: Frankfurter Literaturverlag 2015
318 S., 19,80
ISBN: 9783837217728

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