Romane

Tage einer Tango-Tänzerin

Am Anfang ist eine zufällige, flüchtige Begegnung mit Bruno. Am Schluß ist ein nicht so zufälliger Anfang mit Bruno. Zwischen zufälliger und absichtlicher Begegnung liegen Welten wie sie für Klara Mangold nicht unterschiedlicher sein können. Die junge Frau, die schnellentschieden Berlin verlässt, landet in Buenos Aires. Und das alles nur des Tangos wegen?! Aber nicht alles ist Tango. Auch nicht in Argentinien. Schon gar in "Milonga", dem neuen Roman von Katrin Dorn. Ein Roman, der eine traditionelle Liebesgeschichte zwischen Klara und Gustavo, dem Sohn deutscher Emigranten, erzählt. Ein Roman, der eine potentielle Liebesgeschichte ankündigt. Es könnte die von Klara und Bruno sein. Ob sich die Schriftstellerin auf eine solche Fortsetzung einläßt? Das Spiel, das in "Milonga" (Tangoball) abläuft, hat mit der Klara-Geschichte, der Bruno-Geschichte, den sie begleitenden Lebensgeschichten, genug Stoff. Alles, was der Roman an Belebung, Bewegung, Beruhigung braucht, ist garantiert.

Gemessen an den Turbulenzen, in die die Tango-Tänzerin Klara in Buenos Aires gerät, sind die Situationen des Bruno in Berlin alltägliche Tristesse. Die Szene in Buenos Aires ist grell, die in Berlin grau.

Macht Klara in Argentinien auch keine „Tango-Karriere“, wie es im Roman heißt, so gibt ihr die Liebe zum Tango kräftige Impulse für das Leben, das heißt das Leben mit der Liebe. In Argentinien, einem Land im „Ausnahmezustand“, erfährt Klara ihren Ausnahmezustand. Nicht nur als Geliebte des Gustavos. Als Deutsche trifft sie auf die „Ehemaligen“, die Emigranten aus Deutschland. Dorn´s Klara ist eine Frau, die sich nicht nur dem Traum vom Tango erfüllt. Freudig nimmt sie alles Fremde wahr. Klara ist eine Wachsame, die genau hinhört und sieht, wie eng private Lebensgeschichten mit der allgemeinen Gesellschaftsgeschichte liiert sind.

Die Schriftstellerin, 1963 im Thüringischen geboren, hat ein ausgeprägtes Gespür dafür, wann und weshalb das Persönliche ein Politikum ist. Zu den besten des Romans gehören Szenen, die das Treffen von Deutschen, Deutsch-Argentiniern, Argentiniern verschiedener Generationen schildern. Was die Autorin über Lust und Last der komplizierten Beziehungen zwischen Deutschen und Einheimischen in Buenos Aires zu sagen hat, erzählt sie in originellen Geschichten. Das Leben hat nichts, was nicht zu erzählen wäre. Es muß lesenswert erzählt werden. Katrin Dorn hat ihre literarischen Möglichkeiten genutzt, um beiden Handlungsträgern – Buenos Aires und Berlin –zu geben, was sie brauchen: Überschaubare Geschichten und ausdrucksvolle Gestalten. Daß die berliner Szenerie blasser aussieht hat damit zu tun, daß „Milonga“ ein Klara-, kein Bruno-Roman ist. Aber, wie gesagt, die Bruno-Story kann noch werden! Er ist der Heimkehrerin Klara näher als sie ihm. Hat er doch die Gelegenheit gehabt, die E-Mails zu lesen, die Klara an sich schrieb, um sich über ihre außergewöhnlichen argentinischen Angelegenheiten zu verständigen. Der E-Mail-Monolog wird zum indirekten Dialog zweier Menschen und erweitert die literarischen Gestaltungsmöglichkeiten des Romans. Sicher ist nicht jeder Satz der Schriftstellerin ein schöner literarischer Satz. Sicher ist der Roman „Milonga“ von einer Schriftstellerin geschrieben, die viel davon versteht, wer, wie die verletztliche menschliche Seele verletzt. Katrin Dorn vermag das Unausgesprochene auszusprechen, ohne alles artikulieren zu müssen. Sie vermag von den Verletzungen wie Tröstungen der Seele zu erzählen, für die jeder verantwortlich ist, ob er der Verantwortung gerecht wird oder nicht.

Bernd Heimberger
17.09.2005

 
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Das Buch:

Katrin Dorn:
Milonga

Bild: Buchcover Katrin Dorn, Milonga

München: dtv 2005
255 S., € 14,50
ISBN: 3-4232-4438-0

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