Romane

Eine deutsche Katastrophe

Der Sommer des Jahres 1988 soll ein ähnlich schweißtreibender wie der diesjährige gewesen sein, gar von einem Jahrhundertsommer war die Rede. In diesem Sommer vor einem Vierteljahrhundert unterlag die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Halbfinale der Heim-EM den Holländern spät mit 1:2. Whitney Houston sang zu den Olympischen Sommerspielen von Seoul "One Moment in Time". Der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß starb 73-jährig während seiner Amtszeit. Steffi Graf gewann den Grand Slam, den sie später noch vergolden konnte, und in Ramstein starben bei einer Flugschau-Katastrophe insgesamt 70 Menschen. Doch bleibt dieser Sommer letztlich vor allem wegen des Gladbecker Geiseldramas, das die Republik gut 52 Stunden lang in Atem hielt, in Erinnerung.

Am 16. August 1988 überfielen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck. Was ein schlichter Banküberfall zweier Kleinkrimineller werden sollte, endete schließlich in einer Geiselnahme, die die Entführer mit ihren Geiseln gar über die Grenzen Deutschlands hinausführte. Im Fluchtauto mit zwei Geiseln begaben sich Rösner und Degowski nach Verlassen der Bank zunächst nach Bremen, wo sie einen Linienbus mit rund 30 Fahrgästen kaperten und mit diesem bis in die Niederlande fuhren. Dort wechselten sie erneut das Gefährt und fuhren mit zwei Geiseln zurück nach Deutschland, bevor die Geiselnahme gegen Mittag des 18. August 1988 auf der A3 bei Bad Honnef durch einen Polizeieinsatz beendet wurde.

Die Bilanz dieser dreitägigen Irrfahrt war maximal katastrophal: Nahe Bremen starb der 15-jährige Emanuele de Giorgi, getötet durch Dieter Degowski beim Versuch, seine kleine Schwester zu schützen. Bei der weiteren Verfolgung des Busses verstarb ein Polizist bei einem Unfall, bevor bei der finalen Befreiungsaktion auf der Autobahn ein Schuss aus der Waffe Rösners die 18-jährige Silke Bischoff tödlich traf. Darüber hinaus kam man nicht umhin, Polizei und sämtlichen Medienvertretern für ihr Verhalten während der drei Tage ein Armutszeugnis auszustellen.

Während die Polizei mit ihren Sondereinsatzkommandos mehrfach Gelegenheiten verstreichen ließ, die Geiselnahme ohne Gefahr für Leib und Leben der beteiligten Geiseln zu beenden, suhlten sich die Damen und Herren von Funk und Fernsehen in der Nähe der Verbrecher bei ihrer Jagd nach den besten Stories und Bildern von Geiseln und Tätern. Dabei entstanden bizarre Szenen, wie etwa bei der "Pressekonferenz" der Geiselnehmer inmitten der Kölner Innenstadt, als Rösner und Degowski umringt von einer riesigen Journalistentraube unbehelligt Interviews geben konnten.

Zeitgeschichte als Roman verarbeitet

Diese deutsche Katastrophe wurde nun von Peter Henning in einem Roman verarbeitet. "Ein deutscher Sommer" inszeniert die Atmosphäre der drei Tage im Sommer 1988, in denen die Bundesrepublik Deutschland gebannt das Drama von Gladbeck, Bremen und Köln verfolgte. Der Autor spannt dafür acht verschiedene Erzählstränge rund um das Geiseldrama, führt einige davon mal zusammen, mal entfernt er sie wieder voneinander und bringt alle mehr oder minder intensiv mit dem Geiseldrama in Berührung.

Die beiden Schurken Rösner und Degowski sowie Rösners Freundin Marion Löblich werden von Henning in ihrer ganzen primitiven Art als historische Personen verwendet, während die übrigen Romanfiguren fiktiver Gestalt sind -obgleich für den einen oder anderen sicherlich Ähnlichkeiten zu beteiligten Personen naheliegen. Da wäre zuvorderst der SEK-Beamte Rolf Kirchner zu nennen, der an den wiederholten Tiefschlägen während des Einsatzes förmlich zerbricht und die Rolle des vor 25 Jahren am Einsatz beteiligten Rainer Kersting einnimmt.

Des Weiteren erlebt der Leser die Taxifahrerin Chris Mahler, die gerade von ihrem Freund Klaus verlassen wurde und um ihre Rückkehr in den Beruf kämpft, doch sogleich mitten hinein ins Geschehen rund um das Geiseldrama gezogen wird. Der polnische Busfahrer Adam, ebenfalls unter Trennungsschmerz leidend, weiß nicht so recht, ob er mit seiner Abkehr von der polnischen Heimat den richtigen Weg eingeschlagen hat. Die Schriftstellerin Brigitte Fischer durchleidet die Tristesse ihres Lebens und hat auch Jahre nach dem gewaltsamen Tod ihres Ex-Mannes, eines Kriegsfotografen, noch an diesem Verlust zu knabbern.

Im Kontrast zu den eher trübseligen Charakteren steht der RTL-Journalist Thomas Bertram, dessen Sorge neben seinem frisch geborenen Sohn, der als Frühchen ums Überleben kämpft, vor allem den beiden Frauen gilt, mit denen er die Mutter seines Sohnes betrügt. Ganz nebenbei versucht er noch, für seinen Sender die beste Reportage zum Geiseldrama unter Dach und Fach zu bekommen. Ähnliche Motive treiben den Fotografen Peter Ahrens, der sich in seiner Gier sogar bis in den Bremer Bus hervorwagt und dort mit den Geiselnehmern kommuniziert. Schließlich durchlebt der Leser noch die Leiden des Abiturienten Marc Steiner, der als Heranwachsender nach der Kompassnadel des Lebens sucht.

"Ein deutscher Sommer" war angekündigt worden als der große deutsche Gesellschaftsroman und geht mit großen Vorschusslorbeeren ins Rennen. Solche Vorabbewertungen sind prädestiniert dafür, den möglichen Erfolg eines Buches stark zu gefährden, da die großen Erwartungen einen Druck aufbauen, dem schon so manch anderes Buch nicht standhalten konnte. Man denke dabei nur an "Der Turm", den Roman, der als der große Wenderoman der Deutschen angekündigt worden war, zwar mit Preisen gekrönt wurde, aber garantiert nicht jedermanns Sache war.

Peter Henning schafft es, in den über 600 Seiten seines Romans eine ganz besondere Geschichte zu schreiben. Sein Vorhaben, eine Begebenheit der jüngeren Zeitgeschichte in Romanform zu bearbeiten, war sicherlich sehr kühn. Auch war sein Vorgehen, derart viele Erzählstränge parallel zu spinnen, durchaus ein Wagnis, da der Leser einige hundert Seiten benötigt, um mit allen Beteiligten warm zu werden. Doch unter dem Strich ist es dem Autor vollends gelungen, die Atmosphäre dieser drei Tage im Sommer 1988 über die verschiedenen Charaktere und deren Empfindungen nachzuzeichnen.

"Ein deutscher Sommer" wird zwar keine einstimmigen Lobeshymnen erfahren, doch ist es sicherlich ein Buch, das denjenigen, der sich Zeit und Muße nimmt, sich auf die Charaktere und deren Geschichten einzulassen, gefangen nehmen und auf eine betroffen machende Zeitreise ins Jahr 1988 mitnehmen wird.

Christoph Mahnel
26.08.2013

 
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Das Buch:

Peter Henning: Ein deutscher Sommer

Berlin: Aufbau Verlag 2013
608 S., 22,99
ISBN: 978-3-351-03542-6

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