Romane

Die Liebe zur Literatur - als poetischer Hochgenuss

Die junge Hanna liebt ihren Beruf als Buchrestauratorin und kann es kaum glauben, als ihr eines Tages ein guter Bekannter ein wahnsinnig gutes Jobangebot macht. Die Australierin wird in das vom Bürgerkrieg zerrüttete Sarajevo gerufen, um dort ein wertvolles Manuskript unter die Lupe zu nehmen. Die Freude für diesen Auftrag ist bei Hanna riesengroß, denn bei dem Schriftstück handelt es sich um die kostbare Sarajevo-Haggadah, eine jüdische Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. Vier Jahre lang galt sie als spurlos verschwunden, bis der zurückhaltende moslemische Museumsleiter Ozren sie vor der endgültigen Zerstörung rettet konnte. Für Hanna bedeutet diese Chance der Beginn einer atemberaubenden Karriere, aber auch der Startschuss für Veränderungen in ihrem sonst so ruhigen Leben.

Die Haggadah hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich und seit ihrer Entstehung vor mehr als sechshundert Jahren viel gesehen und erlebt. Zwischen ihren Seiten findet Hanna stumme Zeitzeugen, die ihr mehr von sich erzählen wollen. Ein graues Haar und der Flügel eines Insekts sind Indizien, was im Laufe der vergangenen sechs Jahrhunderte alles mit dem wertvollen Werk geschehen sein könnte. Während Hanna langsam, aber sicher an ihrer Suche nach dem Wer, Warum und Wie zu verzweifeln scheint, nimmt Autorin Geraldine Brooks ihre Leser mit auf eine spannende Reise durch die Epochen. Man lernt beispielsweise das Mädchen Lola kennen, die im Jahre 1940 auf der Flucht vor dem faschistischen Feind ihre Familie verlassen musste, um woanders ein neues Leben in Sicherheit zu beginnen.

Und dann ist da auch noch Doktor Franz Hirschfeldt, der in Wien um 1894 einem Freund einen kleinen Gefallen tut und dafür als Dank ein besonders schönes Silberschmuckstück geschenkt bekommt. Und das ist erst der Anfang: Nach und nach offenbaren sich Wahrheiten, die zugleich erschreckend wie wunderschön sind. Es deutet alles darauf hin, dass die Schicksale dieser Menschen auf mysteriöse Art und Weise miteinander verbunden sind. Auch Hanna ist nur der kleine Teil von etwas Großem - und ist für den Fortlauf der Geschichte trotzdem von immenser Bedeutung. Doch wohin führt diese noch? Das ist eine Frage, die nicht nur Hanna beschäftigt.

Wenn es eine Geschichte verdient hat, von jedermann gelesen zu werden, dann definitiv "Die Hochzeitsgabe" von Geraldine Brooks. Dieser Roman ist ein Geschenk an den Leser, das mit seiner Schönheit alles zu überstrahlen vermag. Hier erlebt man zauberhafte Unterhaltung, die so toll ist, dass man sich unweigerlich wünscht, sie möge niemals vergehen. Man fühlt sich während der Lektüre wie in einem Traum gefangen und wundert sich auf der letzten Seite, dass dieses Vergnügen so ein schnelles Ende gefunden haben soll.

Fesselnd ab dem ersten Satz und spannend über viele Stunden - "Die Hochzeitsgabe" ist ein Schatz von einem Roman, dessen Zauber und Anmut sich auf 640 Buchseiten ausbreiten. Alles, was hier erzählt wird, ist ein Hochgenuss für die Sinne und fürs Herz, das von der Geschichte vollends ergriffen ist. Geraldine Brooks macht aus Literatur wohlklingende Poesie, die den Leser in Verzückung setzt. Und das ist einfach wunderbar!

Susann Fleischer
23.01.2012

 
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Das Buch:

Geraldine Brooks:
Die Hochzeitsgabe. Aus dem Englischen von Almuth Carstens

Bild: Buchcover Geraldine Brooks, Die Hochzeitsgabe

München: btb Verlag 2012
640 S., € 10,99
ISBN: 978-3-442-74301-8

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