Romane

Zeitreise ins Berlin der Nachkriegszeit

Als Hungerkralle wird im Berliner Volksmund das Luftbrückendenkmal bezeichnet, das am "Platz der Luftbrücke" vor dem Flughafen Tempelhof an die von Juni 1948 bis Mai 1949 dauernde Berliner Luftbrücke mit ihren Opfern erinnern soll. Zu dieser Zeit spielt auch Jürgen Ebertowskis neuester Roman "Hungerkralle".

Karl Meunier, einst Adlon-Hausdetektiv und Protagonist aus "Unter den Linden Nummer Eins", einem früheren Roman Ebertowskis, hat den Brand des Hotels Adlon in den letzten Kriegstagen knapp überlebt. Zu Beginn des vorliegenden Buches findet er sich nahezu mittellos auf den Straßen Berlins wieder, seine Unterkunft in einem größtenteils ausgebrannten Haus ist nur unter Lebensgefahr zu erreichen. Karl kann sich dieser Tage wie viele tausend andere Berliner nur von einem Tag zum nächsten orientieren, lebt von der Hand in den Mund und will einfach nur überleben. Seine Gedanken kreisen darum, wie er den bevorstehenden Winter überstehen kann, ohne zu erfrieren. Darüber hinaus sucht er noch ergebnislos nach seiner kurz vor Kriegsbeginn ausgeflogenen Freundin Vera. Da kommt es ihm nur recht, dass er seinen alten Freund Benno wiedertrifft, mit dem er früher Kampfsport getrieben und so manchen Kneipenabend verlebt hat. Benno ist mittlerweile recht erfolgreich im Schwarzmarktgeschäft, so dass hier für Karl auch einige Aufträge abfallen. Außerdem plant Benno das "Oriental", einen Berliner Nachtklub, wiederzueröffnen.

Parallel dazu versuchen US-Behörden eine in Berlin sehr aktive Geldfälscherbande dingfest zu machen. Karl wird in diese Ermittlungen hineingezogen, da er einen ihm noch aus Adlon-Zeiten bekannten US-Journalisten nach einer Schwarzmarkt-Razzia wiedertrifft. Dieser Captain Miller arbeitet mittlerweile beratend für den OSS, einer Vorgängerorganisation des CIA. Zu allem Übel hat hierbei auch noch Otto Kassner, ein alter Intimfeind Karls aus dem Adlon, seine Finger im Spiel.

Trotz des explosiven Setups war Ebertowski nicht daran gelegen, eine Crime Story oder einen Thriller aus dem Berlin zu Beginn des Kalten Krieges zu schreiben. Das Buch kennt keine Cliffhanger à la Dan Brown, sondern will lediglich das Gefühl für eine turbulente Zeit, den ersten Nachkriegsjahren im Brennpunkt Berlin, vermitteln. Dies gelingt Ebertowski vortrefflich! Seine Sprache macht den Leser glauben, dass es genauso war, dass die im Buch vorkommenden alltäglichen Probleme Karls und seiner Freunde exakt auch die eines jeden Berliners waren: Einlösen von Lebensmittelkarten, die Verfügbarkeit von Strom und fließendem Wasser, Tauschgeschäfte auf dem Schwarzmarkt, etc.

Der Leser bleibt zeitlich stets im Bilde und die geschickt in die Geschichte eingefügten historischen Fakten und Begebenheiten lassen das vorliegende Buch zu einem fundierten zeitgeschichtlichen Roman erster Güte werden, obwohl der Ausgang der Geschichte um Karl, Benno, Kassner und die Geldfälscherbande mehr als vorhersehbar ist. Ebenso braucht der Leser nicht zu befürchten, dass die Liebe zwischen Karl und Vera kein Happy-End nehmen wird. Egal! Denn der Leser hat mit diesem Buch etwas viel wichtigeres mitgenommen: Das Bild einer besonderen Stadt zu einer ganz speziellen Zeit!

Christoph Mahnel
24.11.2008

 
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Das Buch:

Jürgen Ebertowski:
Hungerkralle

Bild: Buchcover Jürgen Ebertowski, Hungerkralle

Berlin: Rotbuch Verlag 2008
253 S., € 19,90
ISBN: 978-3-86789-027-4

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