Krimis & Thriller

Die spinnen, die Bretonen!

Die alternde Filmgröße Sophie Bandol ist bei einem Spaziergang über eine Leiche gestolpert. Sagt sie zumindest, denn als die Polizei eintrifft, ist weit und breit keine Leiche zu sehen. Ob ihres fortgeschrittenen Alters nimmt die Polizei die Aussage der achtzigjährigen Diva mit einer gehörigen Portion Skepsis entgegen. Doch für den zuständigen Kommissar Dupin ist dieser zweifelhafte Vorfall die willkommene Gelegenheit, ein ungeliebtes Seminar sausen zu lassen und stattdessen seine Ermittlungen aufzunehmen. Er soll Recht behalten, der eigenwillige Kommissar. Kurze Zeit später wird nämlich eine zweite Leiche aufgefunden, zwar weit entfernt vom ersten "Fundort", doch sprechen die Indizien eindeutig dafür, dass der erste Noch-Nicht-Leichenfund und der zweite tatsächliche Fund in sehr engem Zusammenhang stehen.

Die einleitenden Umstände dieses neuesten Falls für Kommissar Georges Dupin sind höchst ungewöhnlich, doch bereiten sie äußerst passend den Boden für die Ermittlungen vor, die auf einem gleichermaßen ungewöhnlichen Terrain vonstattengehen. Neben der schrulligen Filmdiva, die den Protagonisten sogleich fasziniert und in ihren Bann zieht, sind es dieses Mal die bretonischen Spezifika, die dem vorliegenden Roman eine ganz besondere Note verpassen. Natürlich wird wieder das Hohelied auf die französische und bretonische Küche gesungen, heuer stehen Austern ganz oben auf der Tageskarte. Doch führen die Spuren Kommissar Dupin vor allem in die keltische Vergangenheit der Bretagne; Druiden à la Miraculix und andere Mythen werden strapaziert, bis die Wahrheit irgendwo zwischen den Austernfischern und der bretonischen Sandraub-Mafia zu finden sein wird.

"Bretonischer Stolz" ist mittlerweile schon die Numero Vier aus der Feder eines gewissen Jean-Luc Bannalec, der mit seinen Kriminalromanen aus der Bretagne regelmäßig im Frühsommer die Urlaubslust auf den nordwestlichsten Zipfel Frankreichs weckt. Mit Kommissar Dupin, der im vorliegenden Roman fünf Jahre nach seiner Strafversetzung ins Finistère eine Beförderung erfährt und dafür Fortbildungsseminare besuchen muss, hat er eine Figur geschaffen, die der Leser trotz oder dank so mancher Eigenarten mittlerweile richtig lieb gewonnen hat und mit den Brunettis und Brunos dieser Welt gedanklich auf einer Stufe stehen hat. Da ist es geradezu vernachlässigbar, dass die Recherchen nach der wahren Identität Jean-Luc Bannalecs, der sein wahres Ich hinter diesem Pseudonym versteckt, ins Stocken geraten sind. Der aktuelle Ermittlungsstand hierzu ist immer noch unverändert sowie unbestätigt: Jörg Bong, Geschäftsführer vom Fischer Verlag soll angeblich der Schreiberling dieser grandiosen Romane sein.

Bannalec oder Bong oder wer auch immer hat eine wunderbare Balance zwischen seriösen Kriminalfällen und faszinierenden Beschreibungen eines Landstrichs, dessen Menschen und der dortigen Kultur gefunden. Dies alles verwebt er gekonnt miteinander und entwickelt die handelnden Personen peu à peu weiter, so dass einem Dupins Sekretärin Nolwenn nunmehr fast schon so nahe steht wie Signorina Elletra aus der venezianischen Questura, in der Donna Leons Brunetti seit über zwei Jahrzehnten seinen Dienst tut. In der momentanen Vielzahl an aus dem Boden schießenden regionalen Kriminalserien reicht definitiv keine an die Dupin-Romane heran. Man könnte fast vermuten, dass der Tourismusverband der Bretagne hinter Bannalecs Erfolgsserie steckt, irgendeinen Topseller-Autor verpflichtet hat und diesem ins Auftragsbuch geschrieben hat, die Schönheiten der Bretagne in hochwertige Krimis einzubetten. Angeblich lassen die Dupin-Romane die Besucherzahlen von Bretagne-Touristen aus Deutschland signifikant in die Höhe schnellen.

Wie immer bei solchen "Success Stories" versuchen natürlich viele, ihren Profit abzuschöpfen. Ein unzweifelhaftes Negativbeispiel bilden hier die Verfilmungen der bisherigen Dupin-Romane, die stets sehr zeitnah nach Erscheinen der jeweiligen Bücher vorgenommen wurden. Doch leider erreichen diese neunzigminütigen Zusammenfassungen bei weitem nicht das Niveau der zugrundeliegenden Bücher. Es ist für Bannalec und Dupin zu hoffen, dass die Serie dadurch keinen Schaden nimmt, da es dieser Tage für die Freunde gepflegter Krimis und substantieller Unterhaltung einfach kein Vorbeikommen an diesen beiden fiktiven Herren gibt.

Christoph Mahnel
17.08.2015

 
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Das Buch:

Jean-Luc Bannalec:
Bretonischer Stolz

Bild: Buchcover Jean-Luc Bannalec, Bretonischer Stolz

Köln: Kiepenhauer & Witsch 2015
384 S., € 14,99
ISBN 978-3-462-04813-1

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