Krimis & Thriller

Königsmord

Tatort: Starnberger See, Tatzeit: 13.Juni 1886, Opfer: männlich, 40 Jahre, König von Bayern. Kaum ein prominenter Todesfall hat derart viele Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen wie das mysteriöse Ertrinken Seiner entmündigten Majestät Ludwigs II. vor nunmehr 125 Jahren. Viel geduldiges Papier ist bisher mit entsprechender Literatur bedruckt worden, die sich teilweise mit den abstrusesten Überlegungen zum Tode des Märchenkönigs auseinandersetzt. Alexander Ballhaus hingegen ist davon weit entfernt. Er schickt in seinem Kriminalroman "Seenacht" kurz nach dem Tod des Wittelsbachers einen ganz besonderen Ermittler nach München, um die näheren Umstände zu beleuchten – wie sie wirklich gewesen sein könnten.

Alexander von der Thann stammt aus niederösterreichischem Landadel und darf sich der näheren Bekanntschaft der Kaiserin Elisabeth rühmen, der er als Privatdetektiv schon treue Dienste geleistet hat. Da die Cousine des Märchenkönigs nicht an ein tragisches Unglück oder gar einen Selbstmord ihres Vetters glaubt, betraut sie kurzerhand den Grafen mit der heiklen Aufgabe, ihr Klarheit über den Tod Ludwigs II. zu verschaffen. Von der Thann begibt sich also mit Brief und Siegel der österreichischen Kaiserin in die bayerische Landeshauptstadt, wo er zusammen mit dem Advokaten Neureuther und dem Psychologen Savigny, die ebenfalls von einem Mordfall ausgehen, Nachforschungen zum Tod des Bayernkönigs anstellt.

Bald schon wird klar, dass es bei der Untersuchung des Todesfalls seitens der Regierung zu Vertuschungsaktionen gekommen sein muss, zumal die Herren Politiker kurz vor dem Tod des Königs mit großem Eifer dessen Entmündigung aufgrund seiner angeblichen Geistesverwirrtheit betrieben hatten. So nimmt es kaum Wunder, dass die Schnüffeleien des Grafen nicht gerne gesehen sind. Von der Thann muss also auf der Hut sein und immer mit dem Schlimmsten rechnen. Denn die Wahrheit über den Tod König Ludwigs II. im Starnberger See darf nie ans Tageslicht kommen.

Andreas Ballhaus gelingt mit seinem Kriminalroman "Seenacht" mühelos ein Zeitsprung ins Jahr 1886, in dem sich der Leser von der ersten Seite an wie zuhause fühlt. Der Autor schwelgt im augenzwinkernden Wiener Schmäh seines Protagonisten, dessen Leidenschaft für gutes Essen zu ausgedehnten Beschreibungen der Kulinaria seiner Zeit führen, die dem Krimi eine ganz eigene Würze verleihen, zu der die knisternde Erotik zwischen Graf von der Thann und seiner bezaubernden Münchner Bekanntschaft Juliane von Sternthal nicht unwesentlich beiträgt. Ballhaus liefert als blumiger, ja beinahe als "Fontanisch" zu bezeichnender Erzähler eine überaus unterhaltsame und spannende Kriminalerzählung.

Seine "Seenacht" basiert auf genau recherchierten historischen Fakten und entwirft durch lebhafte Einzelberichte fiktiver beteiligter Personen und Augenzeugen eine detailreiche Collage von der Märchenwelt des Bayernkönigs und seines Charakters. Der Autor betreibt in seinem Kriminalroman allerdings nicht wie viele andere seiner Zunft die Glorifizierung eines angeblich wahnsinnigen Herrschers, sondern rekonstruiert literarisch gekonnt und absolut plausibel die Ursachen für die Entmachtung eines Königs und die letzten Stunden in dessen Leben, wie sie sich wirklich zugetragen haben könnten.  

Christian Götz 
07.02.2011

 
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Das Buch:

Alexander Ballhaus:
Seenacht. Kriminalroman

Bild: Buchcover Alexander Ballhaus, Seenacht. Kriminalroman

Cadolzburg: ars vivendi verlag 2010
315 S., € 19,90
ISBN: 978-3-86913-038-5

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