Kinder- & Jugendbcher

Fantasy, die Kindern neue Welten erffnet

Die Geschichte um den etwa achtjährigen Titus, seine geliebte Vogelfreundin Rabea und seinen "Glücksbeschützer" Phantasmi spielt gleich auf mehreren Ebenen.

Als Fantasyroman eröffnet dieser Kinderroman den Kindern Welten, von denen sie normalerweise nur träumen können - ein wahres Schlaraffenland. Handlungen, die im realen Leben niemals möglich wären, lassen sich mithilfe des Drachen Phantasmi problemlos bewerkstelligen, sei es das Anhalten der Zeit im faktischen Leben, das Herbeizaubern nützlicher Gegenstände, die augenblicklich benötigt werden, die Kommunikation mit außerirdischen Wesen, das Atmen unter Wasser oder das Fliegen. Besonders Letzteres stellt eine subtile Anspielung dar auf unser aller Sehnsucht nach "Schwerelosigkeit" - im konkreten wie im symbolischen Sinne - und damit nach einer Leichtigkeit des Seins sowie der großen, grenzenlosen Freiheit.

Zugleich ist von Beginn an klar, dass im Leben nichts wirklich "umsonst" ist - weder in der realen noch in der fantastischen Welt. "So wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es zurück", ist eine Moral, die dieser Geschichte zugrunde liegt. Auf jedem Planeten, den Titus besucht, erhält er die erhoffte und gewünschte Hilfe, jedoch nicht ohne Gegenleistung, wobei seine Dienste stets auf Freiwilligkeit und Dankbarkeit beruhen sowie auf dem natürlichen Bedürfnis, sich erkenntlich zu zeigen. Das Leben ist ein Geben und Nehmen, das wird hier immer wieder ganz klar aufgezeigt, man könnte diese unabdingbare Reziprozität ebenso gut als "natürliches Kausalitätsprinzip" bezeichnen.

Titus fällt nichts in den Schoß, er soll und darf seinen Verstand gebrauchen, um verschiedene Aufgaben zu lösen, die jeweiligen Herausforderungen zu meistern und all die vielen Abenteuer zu bestehen, aber - und das ist wohl das Wichtigste - der aufgeweckte Junge empfindet dies nicht etwa als "Bürde", sondern es macht ihm richtig großen Spaß! Denn Eigenständigkeit im Denken macht in der Tat "eigen-ständig", so die implizite Botschaft, aber niemals "unabhängig". Wir alle brauchen einander, auch das wird immer wieder deutlich. Titus und Phantasmi sind ein prima Team und helfen einander, wo immer sie können.

Wenn es sein muss, ist aber auch Raffinesse erlaubt, wie beispielsweise in der Episode mit der bösen Seeschlange. "Diplomatie" könnte man es auch nennen, die Titus hier anwendet, um sein Ziel zu erreichen oder - im Jargon der Diplomatensprache - um seine Interessen vertreten zu sehen. Zu erkennen, wann was angebracht ist, das ist die Kunst des Lebens. Um diese Kunst zu erlernen, bedarf es viel Fingerspitzengefühl, Klugheit, Weisheit, Empathie, aber auch Sympathie, denn alles Wissen und Können nutzen nichts, wenn man es nicht versteht, andere für sich zu gewinnen. So genießt Titus eine hohe Popularität, und zwar bei allen, mit denen er in Kontakt tritt, seien es seine neuen Bekanntschaften, seine alten Schulfreunde oder seine eigene Familie. Dass man es freilich nicht immer allen recht machen kann, wird hier nicht thematisiert. "Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann", sagt ein deutsches Sprichwort.

Die Sprache ist durchgehend kindgerecht und wirkt infolgedessen äußerst authentisch. Gleichzeitig zeichnet sie sich durch einen reichen Wortschatz aus, was gerade für Kinder in der Erstlesephase von immenser Bedeutung ist, um das eigene Vokabular zu erweitern und zu differenzieren. Die Natürlichkeit von Sprache und Stil sorgen wiederum für ein hohes Identifikationspotenzial der Rezipienten, was wiederum deren Aufnahmefähigkeit und die Lernbereitschaft fördert.

Der Plot ist durch mehrere Spannungskurven und eine hohe Erlebnisdichte gekennzeichnet, sodass keine Monotonie oder gar Langeweile aufkommt. Ganz im Gegenteil: Da in der Welt der Fantasie so gut wie nichts unmöglich ist, besteht beständig die Möglichkeit des Unmöglichen - oder auch die Unmöglichkeit des Möglichen. In der Fantasie steht die Welt nun mal kopf - so wie der Blumengarten in Kapitel XI. Vielleicht ist das in einer gar zu "kopf-lastigen" Welt manchmal ganz gut so!

Alexandra Eryigit-Klos 
06.07.2020

 
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Das Buch:

Konstanze Goedel: Titus

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Offenbach am Main: August von Goethe Literaturverlag 2020 226 S., 21,80 ab 4 Jahren ISBN: 978-3-8372-2312-5

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