Gedichtbände

Die Perlen komischer Dichtung

Auf dem Cover lacht uns zunächst eine große gelbe Sonne entgegen, am unteren Bildrand bemerkt man sodann einen – im Gegensatz zur Sonne – etwas diabolisch grinsenden Fisch. Später fällt mir ein, dass dieser einsam im Meer herumflitzende Fisch beispielhaft für eine jener Perlen komischer Dichtung stehen muss, die Gernhardt und Zehrer (= die gierigen Möwen, die um das strahlende Haupt der Sonne kreisen?) "aus einem Meer an komisch gemeintem Dichtwerk" herauszufischen trachteten. Diesen (um genau zu sein: 555) Perlen bzw. Fischen bzw. Gedichten ist – laut G. + Z. – eine bestimmte Wirkungsweise gemein, jene "Helligkeit und Schnelligkeit" nämlich, die Morgenstern, dessen "Antwort an einen Redakteur" den umfangreichen Sammelband einleitet, als besondere "Geistigkeit" seiner Dichtung gewürdigt wissen will, und die im Titel (gemäß der Wirkung) in verkürzter Form wiedergegeben wird.

Ein gewisser Notstand ist es, der die Herausgeber dazu bewogen hat, sich auf die Perlensuche zu begeben, denn neben der stets und ständig nach lustiger Unterhaltung lechzenden Masse ("Obwohl der Mensch gerne lacht, fällt es ihm, auf sich gestellt, schwer, zum Lachen zu finden. Also muss er zum Lachen gebracht werden ...") gilt es vor allem jenes Vorurteil zu widerlegen, nach welchem das Volk der Dichter und Denker nur ein Haufen trüber Tassen sei. O nein, es verhält sich gerade andersherum: Haben deutsche Autoren im Laufe der Jahrhunderte in den Bereichen Prosa und Dramatik kaum nennenswerte "Hochkomik" hervorgebracht, dann eben deshalb, weil sie die ganze Zeit munter und unbeschwert auf dem "Königsweg zum Lachen" – der da wäre: das komische Gedicht – flanierten und sich verlustierten.

Wie Dompteure ihre Raubkätzchen, so haben Gernhardt und Zehrer die ungeheure Materialfülle, nachdem sie gesammelt, gesichtet und gestutzt ward, in sechs munteren Manegen gebändigt, so dass lediglich in der zweiten – der "Galerie" - hübsch nach historischem Siegel vorgetragen wird. So gibt es ein "Spiegelkabinett", in dem mehr oder weniger bekannte Vorbilder (die der Leser hier auch gleich nachschlagen kann) travestiert, parodiert, fortgeschrieben und nachgeahmt werden ("Musse feife in Wind" von Droste, Henschel und Passig ist hier der absolute Gewinner!), ein "Spielsalon", in dem nach allen Regeln der Kunst tautogrammiert, palindromantet und schüttelgereimt wird, einen "Konzertsaal" mit der wunderlichen Beititelierung "Das Singen wird es bringen" (vielleicht hätte man hier noch eine CD beilegen können, um das Meisterwerk in Vollendung zu erfahren ...), eine "Ehrenhalle" (mit den 25 bekanntesten Schlagern des komischen Gedichts, darunter Jandls "ottos mops" und "lichtung", Erhardts "Made", Heines "Mein Herz, mein Herz ist so traurig ...", Morgensterns "Werwolf" usw. usf. - Gedichte, die man unbedingt allesamt aus dem Stand zum Besten geben können sollte!) sowie eine "Wunderkammer", mit der es eine besondere Bewandtnis hat, denn ob, was hier drin steht, auch wirklich hierher gehört, also Komik auch wirklich vom Produzenten beabsichtigt gewesen ist, ist die große Frage, die über diesem Kapitel geschrieben steht (wie z.B. das Gedicht "Der Ball", das man als Parodie auf Rilkes Stil lesen könnte, wenn es nicht Rilke selbst geschrieben hätte ...).

Das "delectare" erfüllt dieser Schmunzelschmöker allenthalben – hier findet jeder etwas, worüber er sich noch Tage, Wochen, Jahre später köstlich amüsieren wird, sicherlich auch anderes, wo er (sich) fragen wird: "Und ...?", und so haben es mir besonders die ganz kurzen Varianten angetan, deren Überschrift oft schon das halbe Gedicht ist, z.B. Schwitters "Das Weib entzückt durch seine Beine ... (... Ich bin ein Mann, ich habe keine").

Aber auch das "prodesse" wird ganz im Sinne der Aufklärung mit hohem Engagement verfolgt. So haben wir nicht nur eingangs Gernhardts "Zehn Thesen zum komischen Gedicht" (eine kleine Poetologie des Witzes, die eigentlich in keinem literaturwissenschaftlichen Nachschlagewerk fehlen sollte) und ausgangs Zehrers ebenso unerlässlichen Kommentar "Die Stiftung Lyriktest informiert" (hier erfahren wir z.B. warum es ein Verfallsdatum für komische Gedichte und auch für einzelne Gattungen gibt – so ist M. Kongehls "Mittel gegen bösen Athem" das erste komisch gemeinte Gedicht, über das wir heutzutage auch lachen können, und F. W. Bernsteins "Schüttelreim" das Über-Ich einer Gattung, deren letztes Statement sozusagen - jeder Olympionik, der hier nach dem Prinzip 'Höher-Weiter-Besser' noch anzutreten gedenkt, ist leider fehl am Start), sondern zudem einen umfangreichen, aber überhaupt nicht langweiligen Anhang, in dem alle im Band versammelten Dichter kurzbiographiert werden, von denen man sicherlich vorher höchstens ein Viertel vom Namen her kannte: Wussten Sie, dass Georg Bötticher erstens der Vater von Joachim Ringelnatz (dessen bürgerlicher Name Hans Bötticher lautete) und zweitens selbst komisch gedichtet hat? "Leipzgs Umgäwungk" ist jedenfalls neben Simone Borowiaks "Hessen nimmt Abschied von Freddie Mercury" eines der schönsten Dialektgedichte dieser Anthologie. Wussten Sie, dass nicht Otto Waalkes – den man vielleicht vermisst haben mag -, sondern Bernd Eilert, Robert Gernhardt, und Peter Knorr die Textautoren für viele der witzigsten Späße des Blödelbarden gewesen sind? Oder, dass Christian Morgensterns komische Lyrik nur einen Bruchteil seiner sonst sehr ernsthaften Dichtung ausmacht?

Ja, man kann diese Anthologie, wie dies der Klappentext tut, einen "Palast der komischen Dichtung" nennen, in dem es von unterschiedlichen Farben nur so schillert und vor Lachen, Seufzern und Kichern nur so hallt und schallt. Man wird beim Durchblättern bei einem Glas Wein seine eigenen Perlen finden, und vielleicht sogar einen der Räume bevorzugt aufsuchen, um sich zu ergötzen am fantastischen Sprachspiel, am witzigen Einfall, an der perfekt gelungenen Pointe. Den Herausgebern wird man dankbar zuprosten für ihre mühevolle, aber sicherlich auch unterhaltsame und anregende Arbeit, deren Kreis sich schließt, wenn Zehrer abschließend noch einmal der Frage nachgeht, warum gerade die Deutschen hier auf eine so ausgeprägte Tradition zurückschmunzeln dürfen ...

Nicole Stöcker
01.08.2004

 
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Das Buch:

Robert Gernhardt / Klaus Cäsar Zehrer: Hell und Schnell

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Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2004
624 S., € 24,90
ISBN: 3-10-025505-4

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