Gedichtbände

Wortwege

"Das ist das Geheimnis der Liebe, dass sie solche verbindet, deren jedes für sich sein könnte und doch nichts ist und sein kann ohne das andere" – mit diesen Worten umschreibt Friedrich Wilhelm Schelling seine Auffassung von Liebe. Das ist auch der Grundton in Ulrike Abrahams Texten, die Stimmungen einfangen – Trennung und Verlust, Erinnerung, Einsamkeit, aber auch die Stärke einer wachsenden Liebe. Die Beziehungen spiegeln sich auch in der Schilderung der Umgebung – es sind schattige Straßen in großen Städten, leer, hektisch, beziehungslos, außen wie innen, aber auch die Diskrepanz zwischen einer wunderbaren Sommerkulisse und tiefer Traurigkeit nach einer Trennung, die kontrastierend nebeneinander stehen, wird deutlich.


Der Reiz von Lyrik liegt im gekonnten Verzicht auf zu viele Worte. Das macht Lyrik zu einer Disziplin, die zwar zum Massensport verkommen scheint, in den höheren Qualifikationsrängen aber sehr viel Platz bietet. Lyrik als komprimierte Datei, deren Inhalt sich erst erschließt, wenn man die Worte liest oder spricht und damit den Schlüssel hat zum Entpacken der Daten. Hilde Domin bezeichnete es als "Das Nichtwort – ausgespannt zwischen Wort und Wort", und dieses Nichtwort ist es, das die Bilder aufsteigen lässt, ganze Szenen treten hervor in die Leere zwischen den Worten. Wie man über einen Fluss kommt, wenn man die Trittsteine unter dem wirbelnden Wasser kennt, geht man im Text bei Ulrike Abraham von Gedanke zu Gedanke, jeder ein Gefühl und alle zusammen ergeben ein Stimmungsbild. Liebe ist ein weites Feld, auf keinem anderen haben wir alle Facetten von größtem Glück bis zur tiefsten Verzweiflung. Von daher ist Liebe grundlegend. Abraham widmet sich den dunkleren Seiten, vernachlässigt aber die hellen nicht. Sie erschlägt den Leser nicht mit flotten Versen zum Thema "Unglück" oder wird witzig, wo man besser schweigt. Das ist ausgesprochen wohltuend.


Der Leser hat Zeit, die Bilder entstehen zu lassen. Er kann in den vorgestellten Gefühlswelten wandeln und sich wiederfinden, darf mitfühlen, sich an selbst Erlebtes erinnern und seine eigenen Gedanken dazu sehen. Soviel Raum ist durchaus gelassen. Die Metaphern sind ausdrucksstark, ohne die üblichen abgegriffenen Klischees zu zitieren. Längere, ausführlichere Texte wechseln sich mit den eher kargen, sprachlosen Zeiten ab – ein Auf und Ab, wie es für die Phase des Verarbeitens notwendig ist. Es wird nichts erzwungen oder gewollt, das macht die Aussage der Texte für den Leser variabel, nachvollziehbar und wirkt nicht aufgesetzt.


"Auf den berauchten Stühlen sitzen sie und starren in das Dunkel, das nicht kommt, und faltenstarr gebückt, die Glieder frosterblüht haucht es von den Fensterkreuzen her." "Geh, bau auf die Brücken über den Strömen, die zueinander uns tragen ... scheu bebt dein Mund an den träumenden Lippen des Windes" – zwischen diesen beiden Seiten einer Medaille wandert Ulrike Abraham gekonnt in ihrem ersten Gedichtband.

csc
10.11.2002

 
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Das Buch:

Ulrike Abraham: SehnsuchtWege – SchattenStraßen

Frankfurt/M.: Fouqué Literaturverlag 2002, 67 S.
ISBN: 3-8267-5044-6

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