Dramen

Ein berührendes Filmbuch für alle Sinne

Doris Dörrie gehört zu Deutschlands bekanntesten - und besten - Regisseurinnen, die ein Millionenpublikum gleich reihenweise mit ihren ungewöhnlichen Geschichten, emotionalen Melodramen und turbulenten Komödien verzaubert und letztendlich um den Verstand bringt - zumindest für die wenigen Stunden, die man gebannt den Film verfolgt. Dass die gebürtige Hannoveranerin allerdings nicht nur auf Zelluloid gebannte Filme perfekt in Szene setzen, sondern auch auf dem Papier die großen Gefühle sprechen lassen kann, erfährt man spätestens mit dem Filmbuch "Kirschblüten - Hanami". Denn wer bei der Lektüre nicht schluchzen muss, dessen Herz hat offenbar aufgehört zu schlagen. 

Auf dreißig Jahre kann das Paar Trudi und Rudi Angermeier zurückblicken, aber nun soll damit von einem Tag auf den nächsten Schluss sein. Nach einer ärztlichen Untersuchung erfährt sie, dass ihr Ehemann unheilbar krank wird und nur noch wenige Wochen zu leben hat. Das Wissen darum lastet schwer auf dem Herzen der dreifachen Mutter, aber Rudi davon zu erzählen, traut sie sich dann doch nicht. Stattdessen versucht sie, das Beste aus der Situation zu machen und drängt die Familie zu gemeinsamen Tagen, die allerdings alles andere als harmonisch verlaufen. Karolin und Klaus kümmern sich einzig um ihre eigenen Sorgen und sehen im elterlichen Besuch eine lästige Pflicht, die ihnen die Zeit für andere Dinge raubt. Dementsprechend enttäuscht und traurig machen sich Rudi und Trudi auf zur Ostsee. Doch kaum dort angekommen, ereilt das Paar ein tragischer "Zwischenfall": Trudi stirbt. 

Rudi erkennt trotz der Trauer, die ihn ständig umgibt, in dem Tod seiner geliebten Frau eine zweite Chance, das eigene Leben in eine neue Bahn zu lenken. Der erste Schritt ist für ihn eine Reise nach Japan, wo seit vielen Jahren sein Sohn Karl lebt und arbeitet. Damit erfüllt er Trudis Traum, der Ausdruck ihrer Sehnsucht nach den Kirschblüten war. Und auch Rudi erkennt deren Schönheit, die in ihrem Kern jene Stille in sich tragen, nach die auch der Witwer sucht. Als er kurz darauf die Butoh-Tänzerin Yu kennenlernt, eröffnen sich ihm Perspektiven, für die sein Blick bislang verschlossen war. Doch dann schlägt das Schicksal ein zweites Mal zu und alles gerät ins Wanken ... 

Doris Dörrie versteht es, tiefste Empfindungen und tragische Begebenheiten auf wenigen Buchseiten so gekonnt festzuhalten und zum Leser zu transportieren, dass dieser des Öfteren eine Träne verdrückt. Und doch ist nicht Traurigkeit jenes Gefühl, das "Kirschblüten - Hanami" ausmacht, sondern der kleine Silberstreif, der am Horizont eines gewitterumwölkten Himmels auftaucht und Hoffnung schenkt. Um dies zu bewirken, muss sie keinen Film inszenieren, sondern es genügt, die Worte auf dem Papier wirken zu lassen. Sehr viel mehr Herz und Tragik geht kaum noch, denn Doris Dörrie schreibt hier Gefühl ganz, ganz groß. 

Susann Fleischer 
11.04.2011

 
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Das Buch:

Doris Dörrie:
Kirschblüten - Hanami. Ein Filmbuch

Bild: Buchcover Doris Dörrie, Kirschblüten - Hanami. Ein Filmbuch

Zürich: Diogenes Verlag 2011
216 S., € 11,90
ISBN: 978-3-257-24067-2

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