Dramen

Finstere Gegenwart - besonnt von Kunst

Schon der Titel ist gut: Schwarze Sonne ist zugleich Widersinn und Widerspruch in sich und weist sowohl auf Inhalt und Machart der vorliegenden Stücke fürs Theater als auch auf ihr Genre. Tragikomödien könnten als Gleichnis fürs ganze menschliche Leben gelten: Heiteres, Leichtes, Glück haben ihre Entsprechung in Leid und Tragik.

Wie nun lösen die vier Piecen diesen philosophischen Anspruch ein? 

Der edle Gast thematisiert den BSE-Skandal, nutzt dabei souverän die literarische Motivik von Friedrich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" und auf eine raffiniert-verquere Art auch die der "Physiker". Die Autorin konfrontiert den Leser mit den Problemen seiner eigenen Gegenwart im Licht einer Kunstwirklichkeit, die zeigt, dass Dürrenmatts dramatische Parabel von der Gefährdung der Menschlichkeit durch materielle Gier und Gewinnsucht sich nicht erledigt hat.

Auch Piparakamenia, ein Spiel im Spiel um die tödlichen Folgen rassistischer Vorurteile, steht vor einem literarischen Hintergrund: "Andorra", das Stück des zweiten großen Schweizer Dramatikers, Max Frisch; es erschöpft sich aber nicht darin. Beeindruckend hier vor allem, wie es der Autorin gelingt, szenische Phantasie mit den Dialogen in Übereinstimmung zu bringen. In den Geschichten und Märchen, mit denen die Mitschüler des getöteten Balthazar ihre Beziehung zu ihm wie zur Tat darstellen, erhalten sie kongenialen Sinn vor einem ganzen Strauß literarischer, künstlerischer, religiöser Motive – bis hin zu Paul Klees "Engel der Geschichte".

Im dritten Stück Die Strategie der Elite müssen Genforscher, die anstreben, einen vollkommenen Menschen zu erschaffen, ihre eigene Unvollkommenheit erkennen. Nicht leicht, dem Thema der Umsetzung wissenschaftlicher Fortschritte der Gentechnologie durch eine szenische Gestaltung Form zu geben. Das märchenhafte Nachspiel Von Riesen und Zwergen indes, ist gleichsam das Credo der in Mythen und Märchen, Literatur und Kunst bewanderten Autorin. Diese Folie, das tradierte Motiv des Turmbaus, verfremdet gleichsam das Terror-Szenario der jüngsten Vergangenheit in den USA; es ermöglicht Draufsicht und gleichzeitig Einbettung in die Menschheitsgeschichte. Dem Mondmädchen Lunilla bleibt das letzte Wort an den Menschen: Wir werden uns wieder begegnen, wenn du zu helfen statt zu träumen versuchst.

All jenen Lesern, denen es neben Lesevergnügen auch um Nachdenken, Nachfragen - Horizonterweiterung also - geht, sei Im Zeichen der schwarzen Sonne zur Lektüre sehr empfohlen, darüber hinaus Theaterregisseuren ans Herz gelegt.

hvö
03.08.2002

 
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Das Buch:

Renate Dalaun:
Im Zeichen der schwarzen Sonne. Tragikomödien

Frankfurt/M.: Fouqué Literaturverlag 2002
392 S.
ISBN: 3-8267-5137-X

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