Briefliteratur & Tagebuch

Kollegiale Kontakte

Schön und selten, daß ein "Forschungsprojekt" mit einem poetischen Titel daherkommt. Genau das tut der von Roland Berbig herausgegebene Band "Stille Post". Ganz unspektakulär, ohne jegliches Getöse wird – etwas steifer formuliert – vorgetragen, was es zum Forschungsthema "Inoffizielle Schriftstellerkontakte zwischen West und Ost" zu sagen gibt.

Daß die Bruderschaft der Barden, wider alle Eitelkeiten, allezeit eine Gilde ist, die Neugier verbindet, mußte nicht besonders berücksichtigt werden. Mehr oder weniger eifrig sind alle an der Publikation Beteiligten bemüht, etwas von den Bindungen und Beziehungen preiszugeben, die deutsche Autoren aller Himmelsrichtungen verbanden. Wo es darauf ankam, einiges über Gemeinsamkeiten ostdeutscher, westdeutscher Autoren in den Tagen der Trennung zu sagen, muß die Flamme nicht wieder hochgeschraubt werden, in der die Frage lodert: Was ist DDR-Literatur, was die Literatur in der DDR gewesen?

Eindeutig ein Tat-Sachen-Buch, ist "Stille Post" keines der Theorie und nur ansatzweise eines der wissenschaftlichen Analyse. Die um Berbig formierte Forschergruppe der Humboldt-Universität fungierte vor allem als Fragesteller, Sammler, Systematiker. Einiges vom Wahrgenommenen wurde zu Themen für Aufsätze. Sie sind wahrlich nicht das Wesentlichste der Publikationen. Das sind auch nicht die zwölf veröffentlichten Antworten, die von Autoren aus Ost und West kamen, die auf einen Rundbrief der Forschungsgruppe reagierten. Die Substanz des Bandes sind die nicht zu knappen, konzentrierten, komprimierenden Gespräche, die mit Härtling, Ch. und G. Wolf, Kunze, E. Borchers, F. C. Delius, Y. Karsunke, B. Wegner, M. Menge, Gaus, Biermann geführt wurden. Kein Name, der belanglos wäre. Nicht immer belangvoll, was manchmal auch die Namhaftesten äußersten. In der Summe jedoch kommt vieles zusammen, was die Kontakte der Kollegen ausmachte und machte: die west-östliche Kollegialität wie die Konflikte. Erwartetes, Unerwartetes, Enttäuschendes noch und noch!

Jede Aussage für sich gelesen, bleibt vieles im Subjektiven – und darin auch stecken. So wie sich Gespräch gesellt, so werden die Leser zu Mit-Erinnernden, Vergleichenden, Informierten. Zu erkennen sind stabile, stabilisierende Linien des Miteinanders der Literaten in den Zeiten des deutsch-deutschen Gegeneinanders. Was ist wo über diese Linien des Zusammenhalts während der vierzigjährigen Trennung gesagt worden? Linien, die sich auch in Briefen, universitären Arbeitsgemeinschaften, den Reisen der Ostler wie Westler in die Gegenrichtung gezogen wurden. Linien, die von dem Berliner Forschungsteam vorerst kaum beachtet wurden. Das Wahrnehmen, Entdecken, Wissen hat gerade erst begonnen. Fernab des feuilletonistischen Gekreischs mit dem in den Achtzigern auf dem "Prenzlauer Berg" die Fahne der Hochliteratur der DDR gehißt wurde. Fernab der feuilletonistischen Fledderei mit der zu Beginn der Neunziger alles ver-, zerrissen wurde, was den Stempel DDR trug. Erstaunlich, fest, wie wenig Bedeutung der "Prenzlauer Berg" in "Stille Post" hat und bekommt.

Richtig so? Recht so! Der Band ergänzt, erweitert, was während der vergangenen anderthalb Jahrzehnte zur Literatur in den Deutsch-Ländern gesagt wurde. Er beginnt nicht nur zu sagen, er beginnt zu beweisen. Keine Publikation bestätigte bisher derart deutlich, daß Autoren Autoren suchten und fanden über die DDR-BRD-Grenzen hinweg. Grenzen setzten nicht die Grenzen, sondern Gedanken, Gefühle – bis in die Gegenwart. Um dafür Verständnis zu gewinnen, was das Entgrenzende, das Begrenzende war und ist, bedarf es der uneingeschränkten Aufmerksamkeit des Bandes. Also keinen Text auslassen, will man wissen, wohin individuelle Lebenslügen oder individuelle Lebenswahrheiten Menschen treiben. Abhängig und unabhängig von gesellschaftlichen Realitäten, denen sich Menschen widersetzen, um in der Realität existieren zu können. Als Widersacher der Wirklichkeit erkennen sich Schriftsteller in ihren Schriften als Freunde und laufen, über alle Grenzen hinweg, aufeinander zu. Meist still und leise, da Verbrüderung die selbstverständlichste Sache der Welt ist. Das Selbstverständliche braucht meist nicht viel Worte. Anders in dem Band "Stille Post". Gut so!

Bernd Heimberger
05.09.2005

 
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Das Buch:

Roland Berbig (Hrsg.):
Stille Post. Inoffizielle Schriftstellerkontakte zwischen Ost und West

Bild: Buchcover Roland Berbig, Stille Post. Inoffizielle Schriftstellerkontakte zwischen Ost und West

Berlin: Ch. Links Verlag 2005
403 S., € 22,00
ISBN: 3-86153-3499

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