Ratgeber

Zeit für neue Drehbücher im eigenen Leben

Spätestens seit "Frauenzeit" ist Sonja A. Buholzer einem großen Publikum bekannt. Erfolg will gelernt sein, wer keine Strategie für das Leben hat, kann auch nicht damit rechnen, dass er zum Macher wird, sondern muss sich mit untergeordnetem Mitläufertum begnügen. Selbstmotivation als Triebfeder, das eigene Leben aktiv in die Hand nehmen und selbst gestalten anstatt sich verbiegen zu lassen von den Wünschen und Anforderungen anderer Menschen – das ist Buholzers Credo.

Das neue Buch der Wirtschaftsberaterin ist anders. Es ist ein absolutes Muss für alle Menschen, die sich zutrauen, Wesentliches beizutragen zur Entwicklung der Menschen. Es ist die Art Literatur, die sich Wirtschaftsbosse ebenso hinter den Spiegel klemmen sollten wie die Hausfrau, die ihren Familienalltag managt und dabei nicht nur von den Kieferorthopädieterminen der Kinder und den Kegelabenden des Mannes determiniert werden will. Die Welt ist ein Theater, keine Frage, doch in 18 Akten zeigt Sonja A. Buholzer auf, wie wir alle an den Stücken mitschreiben, die aufgeführt werden – wo jeder Einzelne den je eigenen Hebel ansetzen sollte, um verantwortungsbewusst mit sich, den Ressourcen der Erde und der Nachwelt umzugehen.

Buholzers Blickwinkel in diesem Buch ist ungeheuer weit – er umfasst das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur ebenso wie die Fragen, die ganz tief in die einzelne Persönlichkeit eindringen – Was will ich in meinem Leben erreichen? Die Menschen brauchen neue Perspektiven – zerstörte Umwelt, Arbeitsplätze, die durch Mobbing zu Horrorszenarien werden, frustrierte Angestellte, Frauen zwischen allen Stühlen, sie alle sind nicht gerade ermutigend. Dass die Zeit des Konsumierens, des Ich-will, des Egoismus vorbei sind, sollte sich herumgesprochen haben. Wie soll es aber nun weitergehen? Entthronte Männer, Frauen, die in neue Lebensrollen drängen, zusammenbrechende Wirtschaftsgefüge, zunehmende Sinnsuche der Menschen, Umweltchaos, Hass und Terror sind die Determinanten, zwischen denen wir unsere Gesellschaften wie zerfaserte Spinnennetze aufspannen. Immer mehr Menschen steigen innerlich aus, Burnout, Sinnlosigkeit sind mehr als Schlagworte, sie sind die Namen für die Krankheiten unserer Zeit.

Schluss mit alten Klischees, überlieferten Vorstellungen, der Auffassung, dass man nur immer so weitermachen muss wie bisher, das wird sich einrenken – runter mit den alten Zöpfen, mit angestaubtem Denken, mit Schablonenleben. Die neue Welt verlangt neue Menschen – keine Schlaffis, die das Denken anderen überlassen. Keine Zauderer, die vor jeder Herausforderung erst ein Orakel befragen müssen. Keine Angsthasen, die bei jedem Problem gern eine Mutter an der Seite hätten, unter deren Rockzipfel sie sich schleichen könnten. Und vor allem keine Leute, die nicht bereit sind, hart an sich selbst zu arbeiten! Denn jeder Wandel fängt nicht bei der Forderung an "Es muss sich was ändern!" – das ist der sichere Weg zum status quo, Stillstand ist Rückschritt und Dummheit. Nein, Buholzer hält einem auf jeder Seite des Buches einen ganz schrecklichen Spiegel vor – den der Wahrheit. Was wir in diesem Spiegel sehen müssen, ist ziemlich niederschmetternd – wir sind feige, faul, neigen zur Dummheit, überlassen anderen gern das Kommando, suchen in irgendwelchen mysteriösen Religionen nach dem wahren Sinn des Lebens, laufen jeder Herausforderung davon und neigen dazu, den Kopf in den Sand zu stecken. Diese Allüren deckt Buholzer offen auf und zeigt Wege, aus den eigenen Denkfallen zu kommen.

Es sind nicht nur unzählige Hinweise für das eigene, persönliche Weiterkommen, die Buholzer gibt, sondern ebenso angesprochen wird die gesamte Gesellschaft, an der der einzelne seinen Anteil hat. Neben der bekannten "Intelligenz", der mittlerweile anerkannten emotionalen Intelligenz fordert Buholzer auch die Einbeziehung der spirituellen Intelligenz in unser Denken. Sie weist auf den Wertewandel hin, dem wir unterliegen, z. B. so: "Aus Pflicht und Lust entsteht Kreativität. Aus Treue und Freiheit entsteht Freundschaft. Aus Disziplin und Chaos entsteht Flow".

Das Buch ist kein angenehmes Lesebuch, es ist eine knallharte Analyse und die ebenso deutliche Ansage, dass es jetzt Zeit ist, ein paar neue Drehbücher auf dem Tisch zu legen – für das eigene Leben, das jeder nur für sich selbst definieren kann, und für die gesamte Gesellschaft. In Verantwortung und vor allem – im wachen Bewusstsein der Lage. Schluss mit den Träumen von einer besseren Welt. Wer eine bessere Welt will, muss schon die Ärmel aufkrempeln, Bretter holen und nach einem durchdachten Plan loslegen.

Die zahlreichen Zitate von Autoren, Schauspielern oder anderen Persönlichkeiten stehen jedem Kapitel voran. Dann folgt ein kurzer Blick hinter die Kulisse, ehe es immer heißt: Vorhang auf. Am Ende jeden Aktes steht eine kleine Rubrik "Gefragt – geantwortet", die es in sich hat. Dort kann sich jeder persönlich seine Antworten geben, auf Fragen, die man manches Mal vielleicht vermieden hätte, von denen man aber klar erkennen muss, dass es jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist, sie zu stellen.

Nach dem Lesen des Buches ist man ein anderer Mensch als vorher. Die ganzen Eitelkeiten, die Schummellügen, die rosarote Selbstdarstellung ist enttarnt als Psychokrücke, verständlich vielleicht, aber nicht wirklich hilfreich. Statt dessen hat man ein ganzes Arsenal an Gedanken, Ideen und neuen Wegen zur Verfügung, mit denen die Gestaltung des eigenen Lebens eine andere Richtung bekommt. Und der Blick des Lesers wird weit – vom eigenen persönlichen kleinen Schicksal aus dehnt er sich auf die Gesellschaft, die ganze Welt. Alles, was jeder einzelne von uns tut oder unterlässt, hat Folgen. Und die Verantwortung dafür muss jeder selbst tragen. Es wird Zeit, sich warm anzuziehen und mit Freude, aktiv und selbst-bewusst die Verantwortung zu übernehmen für das eigene Leben, das immer im Gesamtzusammenhang gesehen werden muss.

Oder, wie Buholzer Charles de Gaulle zitiert: "Bedeutende Leistungen werden nur von bedeutenden Menschen erzielt; und bedeutend ist jemand nur dann, wenn er fest entschlossen ist, es zu sein." Dass wir aber bei allen Fakten unsere Träume als notwendige Seelennahrung und unser Inneres als unseren Dreh- und Angelpunkt, unsere geistige Heimat, nie vergessen dürfen, belegt unter anderem dieses Zitat des Grafen Dürkheim: "Der Mensch hat zwei Aufgaben in dieser Welt. Die eine ist das Gestalten der Welt in der Tat. Die andere ist die Reifung auf dem inneren Weg." – Gute Reise!

csc
06.01.2002

 
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Das Buch:

Sonja A. Buholzer:
Ver-rückte Zeiten. Die neuen Rollen im Welttheater des 21. Jahrhunderts.

Bild: Buchcover Sonja A. Buholzer, Ver-rückte Zeiten. Die neuen Rollen im Welttheater des 21. Jahrhunderts.

Zürich: Orell Füssli 2001
232 S.
ISBN: 3-28002665-2

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