Autobiographie

Harry Bernsteins Alterwerk

Alterswerk ist ein großes Wort, aber im Fall von Harry Bernstein absolut angemessen. Der 1910 geborene Schriftsteller dürfte bislang allenfalls Insidern bekannt sein. Nun in den hohen Neunzigern hat er ein eindrucksvolles, großartiges Buch geschrieben, das unter dem Titel «Gegenüber die andere Welt» bei Econ erschienen ist. Bernstein erinnert sich darin an die Zeit um den Ersten Weltkrieg, als er in Stockport in der Nähe von Manchester aufwuchs.

Und es ist weit mehr geworden als ein autobiografischer Ausflug in die Vergangenheit: die Skizze einer Epoche und gleichzeitig eine Studie sozialer Milieus, die eine Welt voller Armut und Vorurteile beschreibt.

Harry Bernstein stammt aus einer jüdischen Familie, die aus Polen nach England emigrierte. In Stockport hat sie vorübergehend eine neue Heimat gefunden in einer Straße wie hunderte von anderen mit endlosen Häuserreihen, deren Backsteinmauern und Schieferdächer vom Ruß geschwärzten sind. Das Besondere ist die unsichtbare Mauer, die beide Straßenseiten trennt: Auf der einen wohnen nur jüdische Familien wie die von Harry, auf der anderen nur christliche wie die Gordons, die dort eine Kneipe besitzen. «The Invisible Wall» lautete deshalb auch der treffendere Titel im englischen Original.

Antisemitismus gehört dort zum Alltag, und wenn Harry als kleines Kind vor etwas Angst hat, dann davor, von den christlichen Jungen verprügelt zu werden. Denn dass Christen nichts mit Juden zu schaffen haben und umgekehrt, gilt in allen Familien als ungeschriebenes Gesetz. Und wer dagegen verstößt, muss mit harten Konsequenzen rechnen, so wie Harrys Schwester Lily, die sich in den christlichen Jungen Arthur verliebt. Als sie ihn heimlich heiratet, trauert ihre Mutter um sie, so als wäre Lily tatsächlich gestorben.

Bernstein, der mit seiner Familie 1922 nach Chicago zog, ist ein Meister der Erinnerung, konnte beim Verfassen von «The Invisible Wall» allerdings auf frühere Veröffentlichungen zurückgreifen: Das erste Mal schrieb er schon in den 40er Jahren über seine Erfahrungen im «englischen Getto» von Stockport. Mit dem Zusammenfügen der vielen Details aus seiner Kindheit begann Bernstein jedoch erst 2002, nachdem seine Frau gestorben war. Alleine in der Wohnung herumzusitzen, war nicht sein Ding: Ein Glücksfall, dass er darauf gekommen ist, sich noch einmal ans Schreiben zu machen.

csc
04.04.2007

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Harry Bernstein:
Gegenüber die andere Welt - Eine Kindheit

Bild: Buchcover Harry Bernstein, Gegenüber die andere Welt - Eine Kindheit

Berlin: Econ Verlag 2007
332 S., € 19,95
ISBN: 978-3-430-30015-5

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.