Medien & Gesellschaft

Die großen Fragezeichen der deutschen Geschichte

Oftmals suggeriert die Geschichtsschreibung, dass sich alles genau so zugetragen habe, wie sie es schildert. Doch wird man bei eingehender Beschäftigung mit einem bestimmten Thema rasch feststellen, dass man sich meist nicht auf ein einheitliches Bild der Wahrheit wird einigen können. Selbst die neuere Geschichte kennt trotz erheblich verbesserter Quellenlage viele wegweisende Vorfälle, in denen man ob der Ungewissheit um die Wahrheit vielen Rätseln gegenübersteht. 

Die deutsche Geschichte ist voller Rätsel, sei es das gerne herangezogene Mysterium um Kaspar Hauser, der schockierende Tod Uwe Barschels, der ungeklärte Verbleib des Bernsteinzimmers oder die kuriose Rolle von Schabowskis Zettel. Viele dieser Rätsel werden sicherlich keine Klärung mehr finden, doch wenn sich eine rätselhafte Geschichte nachträglich etwa durch verbesserte Analysemethoden oder Akteneinblicke aufklärt, dann ist dies gleich eine Sensation, die großes Interesse in den Medien findet. Man denke hierbei nur an die sensationellen Enthüllungen um die Verwicklung der Stasi in die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg.

In "Die Rätsel der deutschen Geschichte" werden auf über 300 Seiten 93 rätselhafte Episoden der deutschen Geschichte zum Besten gegeben, wobei jedem Thema eine oder zwei Doppelseiten gewidmet werden. Als Herausgeber fungiert G/Geschichte, eine hierzulande überaus populäre, monatlich erscheinende Geschichtszeitschrift, und in Person deren ehemaliger Chefredakteur Frank Metzger. Die im Buch vorgestellten Geschichten erstrecken sich von Karl dem Großen bis hin zum Mauerfall und somit über ziemlich genau zwölf Jahrhunderte. Zwecks thematischer Gliederung sind die 93 Episoden in sieben Themenblöcke unterteilt, in denen jeweils eine chronologische Sortierung für Ordnung sorgt.

"Im Pulverdampf - Rätsel auf den Schlachtfeldern" wirft zu Beginn gleich ein schlechtes Licht auf Karl den Großen, dem die Hinrichtung von 4500 Sachsen anno 782 vorgeworfen wird. Weiter geht es über die Schlachtfelder des Mittelalters bis hin zur Dolchstoßlegende und gelöste sowie ungelöste Rätsel aus der Nazizeit. Mit der Chiffriermaschine Enigma und dem im Toplitzsee vermuteten Nazigold seien zwei davon beispielhaft genannt. Schlüpfrige Affären, die die Geschichte beeinflussten, werden anschließend in "Liebe, Lust und Leidenschaft" thematisiert.

"Gezinkte Karten - die Schattenwelt der Intrige" beschäftigt sich unter anderem mit dem Mysterium des Kinderkreuzzugs und der Frage, welche intriganten Kräfte Rainer Barzels Kanzlerwahl im Jahre 1972 verhinderten. Eine immer wiederkehrende Figur im vorliegenden Buch ist Karl der Große, der auch in "In den Korridoren der Macht - die Welt der Politik" seinen Platz findet. Dort wird ebenfalls das Rätsel um die Gefangennahme von Richard Löwenherz auf der Burg Trifels behandelt sowie die immer noch ungeklärte Frage bezüglich der Brandstifter, die letztlich für den Reichstagsbrand verantwortlich waren.

In "Todesfall mit Fragezeichen" geht es selbstredend um ungeklärte Todesfälle, von denen die deutsche Geschichte einige kennt. Das Wasser als tödliches Element war bereits bei Barbarossas Tod im Fluss Saleph auf dem Dritten Kreuzzug verantwortlich, genauso wie beim unter ungeklärten Umständen erfolgten Tod des "Kini" Ludwig II. von Bayern. Aber auch die neuere Geschichte kennt solche Beispiele wie den Tod des Lutz Eigendorf im Jahre 1983, als der "Franz Beckenbauer der DDR" nach seiner Flucht in den Westen einen Unfalltod mit dem Auto sterben musste, der bei genauerer Betrachtung zahlreiche Indizien aufweist, die auf klassische Stasimethoden schließen lassen.

Mit meist urheberrechtlichen Rätseln beschäftigt sich das Kapitel "Von Erfindern, Dichtern und Betrügern". Für das Nibelungenlied, gerne auch als Lied der Deutschen bezeichnet, sind bis heute Verfasser sowie die historischen Bezüge ungeklärt, gleiches gilt für das mysteriöse Voynich-Manuskript, das selbst dieser Tage noch Kryptologen auf der ganzen Welt beschäftigt. Das Kapitel schließt mit einem der größten Schelmenstreiche der Neuzeit, den vermeintlichen Hitler-Tagebüchern. In "Wer war es? Das Rätsel um Persönlichkeiten" hat wieder einmal Karl der Große seinen Auftritt, dieses Mal geht es um den ungeklärten Ort seiner letzten Ruhestätte. Ob die Entdeckung der Kartoffel tatsächlich Friedrich II. von Preußen zugeschrieben werden kann, ist genauso ungewiss wie Hitlers Kriegserlebnisse im Ersten Weltkrieg, die er heldenhaft zu Propagandazwecken ausgeschmückt hatte, wohl aber eher einer Mär gleichkommen.

Nach dem Studium des vorliegenden Buchs wird der Leser zwar keine Rätsel der Geschichte gelöst haben, doch ist er auf den aktuellen Sachstand um die in vielen Episoden herrschende Ungewissheit gebracht worden. Dabei erfolgt dies auf einer breiten Basis, da das Buch nahezu alle relevanten Kapitel und Epochen der deutschen Geschichte streift. Kleine Exkurse in den Kapiteln erlauben auch den der Geschichte unkundigeren Lesern eine rasche Einordnung der Geschehnisse, das überschaubare Glossar am Ende rundet das gelungene Werk ab. Gerne auch darf sich der Leser nach Lust und Laune und kreuz und quer durch das Buch hüpfend einzelne Kapitel herauspicken und sich nach eigenem Gusto an den Rätseln der Geschichte laben.

Christoph Mahnel
03.12.2012

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

G/Geschichte (Hg.):
Die Rätsel der Deutschen Geschichte

Bild: Buchcover G/Geschichte (Hg.), Die Rätsel der Deutschen Geschichte

Stuttgart: Theiss Verlag 2012
320 S., € 29,95
ISBN: 978-3-8062-2603-4

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.