Medien & Gesellschaft

Das Lernen als Metapher für das Leben

Es ist ein ungewohntes und deshalb herausforderndes Buch geworden, das Wolfgang Galandi unter dem Titel "Neue und alte Lehrjahre" veröffentlicht hat. Zunächst fällt der bescheidene Umfang auf. Der Leser hat 51 Seiten vor sich. Dann sticht der Begriff "Lehrjahre" ins Auge, der den Autor als Lernenden beschreibt, Wolfgang Galandi, der als Lehrer tätig war, dann aber noch ganz andere Betätigungsräume abschritt.

Wenn man die Lektüre dieses handlichen Werkes abgeschlossen hat, kann man nachvollziehen, weshalb es im Untertitel als „novellistischen Aufsatz“ gekennzeichnet wurde. Wir finden eine thematische Geschlossenheit vor, die wir nach und nach auch erkennen, und bedenken die kurze Dauer, in der das Thema eine Chance hat, den Leser zu packen.

Mit einem langweiligen Logbuch wäre die Chance rasch vertan gewesen. Galandi versucht es mit einem reizvollen Hin und Her. Vor allem spielt er von der Gegenwart in die Vergangenheit zurück, aber ohne dort für ewig gefangen zu werden. Hinter der knarrenden eisenbeschlagenen Schultür wickeln sich Prüfungen ab, welche die Reife erlangen lassen, obwohl die hohe Kommission unter Leitung des Herrn Oberschulrates, wie der Autor sagt, doch herzlich wenig von der Schülerseele weiß. Es wurde Wissen abgefragt, obwohl die eigene Entwicklung am ehesten von den „seltenen Momente pädagogischer Vollkommenheit der Unterrichtenden“ die entscheidenden Impulse empfing, die dann auch weiterhalfen.

Der gleiche Student, der Konventionen liebt und unbedingt den Bierzipfel einer Studentenverbindung an den Gürtel hängen will, beschließt in schlafloser Nacht, einen progressiven Buchladen aufzusuchen. Man trifft ihn später wieder als Mitglied der Avantgarde der Arbeiterklasse.

Eine Vorlesung lässt die bewegte Zeit Cäsars auferstehen, aber von draußen dringen plötzlich tumultartig ganz andere Gegner als Brutus auf den Plan und diese verjagen nicht Cäsar, sondern den Leiter des Seminars für alte Geschichte.

Es ist ein substanzreiches, sprachlich komprimiertes Buch - kein Zweifel, der die Frage nach den prägenden Hintergründen aufwirft, dabei das Lernen in das Leben hineinstellt und immer neu nach Orientierung sucht. Es ist nicht einfach billig vom lebenslangen Lernen die Rede. Die Lernprozesse in all den Klassenräumen, Hörsälen und Studierzimmern sind Abbild des Lebens selber. Wie weit sind sie das Leben selber? Irgendwie kann man sich der intellektuellen Leidenschaftlichkeit dieses gelungenen Wurfes nicht recht entziehen, obwohl sie dem Leser nichts ins Gewissen diktiert. Die Unaufdringlichkeit macht viel vom Reiz dieses Buches aus.

Ronald Roggen
30.04.2012

 
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Das Buch:

Wolfgang Galandi:
Neue und alte Lehrjahre. Ein novellistischer Aufsatz

Bild: Buchcover Wolfgang Galandi, Neue und alte Lehrjahre. Ein novellistischer Aufsatz

Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2011
51 S., € 10,80
ISBN: 978-3-8372-0892-4

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