Medien & Gesellschaft

Erinnerungen, die nie verblassen, und eine mörderische Tat, deren Schrecken für immer im Gedächtnis bleibt

Als Sylvia von Metzler am 27. September 2002 ein Zettel überreicht wird, auf dem steht, dass eines ihrer Kinder entführt worden sei und der Täter ein Lösegeld von einer Million Euro fordert, bricht für die dreifache Mutter und Ehefrau des vermögenden Bankiers Friedrich von Metzler eine heile Welt zusammen. Nach einigen Anrufen wird die Vermutung zur bitteren Gewissheit: Das Leben ihres elfjährigen Sohnes Jakob liegt in den Händen eines gemeinen Verbrechers. Minuten später ist die Frankfurter Polizei - genauer gesagt: Ortwin Ennigkeit und die Männer vom K 12 (Raub, Erpressung, Geiselnahme und Entführung) - eingeschaltet. Doch die erfahrenen Ermittler tappen im Dunkeln, denn jeder kommt als Täter in Frage. Erst bei der Lösegeldübergabe wird der Entführer entlarvt. Magnus Gäfgen beherrscht seitdem die Presse und lässt Deutschland nicht mehr zur Ruhe kommen. 

Kriminalhauptkommissar Ortwin Ennigkeit lassen die Erinnerungen von damals nicht mehr los und nutzt in seinem Buch "Um Leben und Tod" die einmalige Gelegenheit, gewisse Dinge ein für allemal richtigzustellen und vielleicht sogar seinen Frieden mit der Vergangenheit zu machen. Die Geschehnisse, die ihn und seine Kollegen im September 2002 vom Schlaf abhielten, lässt er auf knapp 300 Seiten abermals Revue passieren und sorgt beim Leser für Gänsehaut und Entsetzen - und zwar Entsetzen gegenüber einem Mörder, der ohne Skrupel das Leben eines elfjährigen Jungen auslöschte und eine vorher glückliche Familie in den Abgrund stürzte. Es ist auch das Entsetzen gegenüber dem Rechtsverständnis des deutschen Staates und der Justiz. Die Frage, wie ein Mensch wie Gäfgen mit seiner Klage wegen Nötigung durch Ennigkeit durchkommen kann, stellt sich ebenso wie die Frage, was schwerer wiegt: Die Menschenwürde des Tatverdächtigen oder die Menschenwürde des entführten Kindes? 

Neun Jahre später lässt Ortwin Ennigkeit abermals den Fall Jakob von Metzler mit all seinem Schrecken aufleben und führt dem Leser vor, dass das Leben eine Folge von (verhängnisvollen) Entscheidungen ist. Mit "Um Leben und Tod" gibt der Kriminalhauptkommissar einen detailreichen wie authentischen Einblick in die Arbeit der Justiz - und das so spannend, dass ein packender Thriller dagegen nicht ankommen kann. Dieses Sachbuch ist das Protokoll eines grausamen Verbrechens, das sich beim Leser ins Gedächtnis einbrennen wird. Am Ende geht man sogar so weit, dass man mit der Familie von Metzler mitleidet und ihren Verlust als eigenen erlebt. Wegen der Ungerechtigkeit, die Justitia offenbar praktiziert, kann man nur den Kopf schütteln und hoffen, dass sich eines Tages dies ändern möge. "Um Leben und Tod" ist ein erster Anstoß dafür und ein Werk, das dem Leser ein wahrer Augenöffner sein wird. Ortwin Ennigkeit geht mit seinem Buch einen entscheidenden Schritt in die richtige Richtung. 

Susann Fleischer 
24.10.2011

 
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Das Buch:

Ortwin Ennigkeit, Barbara Höhn:
Um Leben und Tod. Wie weit darf man gehen, um das Leben eines Kindes zu retten? Der Fall Jakob von Metzler - Protokoll eines Verbrechens

Bild: Buchcover Ortwin Ennigkeit und Barbara Höhn, Um Leben und Tod. Wie weit darf man gehen, um das Leben eines Kindes zu retten? Der Fall Jakob von Metzler - Protokoll eines Verbrechens

München: Heyne Verlag 2011
272 S., € 16,99
ISBN: 978-3-453-17216-6

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