Medien & Gesellschaft

Die Schattenseite des Lands der aufgehenden Sonne

Über eins kann sich der Amerikaner Jake Adelstein - oder "Jeiku Aderusutain", wie sein Name in seinem neuen Wirkungskreis ausgesprochen wird - sicher sein: Manchmal hatte er wirklich mehr Glück als Verstand. Anders kann es sich kaum zugetragen haben, als er sofort nach seinem Studium an der Sophia-Universität in Tokio und mit keinesfalls überragenden Japanischkenntnissen von der größten japanischen Zeitung, der "Yomimuri Shimbun", als Polizeireporter eingestellt wurde. Denn wer sich eingehender mit dem "Land der aufgehenden Sonne" beschäftigt, weiß mit Sicherheit, wie abgeschottet die Kultur Japans ist. Für Ausländer bedeutet dies, dass es für sie realistisch gesehen unmöglich ist, vollständig akzeptierte Mitglieder der japanischen Gesellschaft zu werden. Doch dies sind nicht die einzigen Schwierigkeiten, mit denen sich Jake konfrontiert sieht ...

"Tokio Vice. Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt" beschreibt Jakes Weg vom unerfahrenen Greenhorn-Reporter bis zum mit allen Wassern gewaschenen Profi und schildert so fast zwei Jahrzehnte seiner Karriere im "Land der aufgehenden Sonne". Nachdem Jake seine ersten Erfahrungen mit Mordfällen gesammelt hat, verbucht er seine ersten Erfahrungen mit der riesigen und erschreckend gut organisierten Prostitutionsszene Japans, dem japanischen Menschenhandel und der Yakuza. 

Aus der Tatsache, dass es ihm die mächtige japanische Mafia durchaus angetan hat, die in so gut wie jedem Aspekt des Landes ihre Finger im Spiel zu haben scheint, macht Jake keinen Hehl. Er beginnt, zur Informationsbeschaffung Kontakte zur japanischen Mafia-Unterwelt zu knüpfen, was ihm durchaus Vorteile für seine Karriere bringt. Doch schließlich kommt was kommen muss und er zieht den Zorn der größten und einflussreichsten Untergruppe der Yakuza auf sich ... 

Jedem Leser wird schnell deutlich werden, dass er mit "Tokio Vice" keinen Kriminalroman vor sich hat. Vielmehr legt der US-amerikanische Autor Jake Adelstein einen Tatsachenbericht vor, der - bis auf die abgeänderten Personennamen - seine eigenen Erfahrungen als Polizeireporter in Japan wiedergibt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Buch keine spannende Unterhaltung ermöglicht. Jakes Anekdoten aus fast 20 Jahren Arbeit im Dienst der "Yomimuri Shimbun" beruhen zwar auf Tatsachen, wären aber auch in einer waschechten Kriminalgeschichte nicht deplatziert. Hierbei begibt sich der couragiert-impulsive Journalist auch mehr als einmal in Gefahr, wodurch auch Freunde des gepflegten Nervenkitzels keinesfalls zu kurz kommen werden. 

Verbunden mit dem ebenso exotischen wie detailliert beschriebenen Milieu, in dem sich Jake bewegt, entsteht so eine ebenso reizvolle wie fesselnde Mischung, die für viele spannende Lesestunden sorgt. Auch die Kritik an der rigiden und oftmals janusköpfigen Gesellschaft Japans kommt hierbei nicht zu kurz. "Tokio Vice. Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt" verrät so mehr über das nicht immer idyllische Inselreich als so manches Lehrbuch - und ist hierbei noch um ein Vielfaches unterhaltsamer. Ein ebenso mitreißender wie tiefgründiger und gekonnt verfasster Unterwelttrip, der keinesfalls nur Japan-Fans faszinieren wird.

Johannes Schaack
17.01.2011

 
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Das Buch:

Jake Adelstein:
Tokio Vice. Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt. Aus dem Amerikanischen von Martin Rometsch

Bild: Buchcover Jake Adelstein, Tokio Vice. Eine gefährliche Reise durch die japanische Unterwelt

München: riva Verlag 2010
384 S., € 19,95
ISBN: 978-3-86883-083-5

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