Medien und Gesellschaft

Ein detaillierter Blick auf die Geschichte der Juden im Dritten Reich

Die Geschichte der Verfolgung, Unterdrückung und Ermordung der Juden während Adolf Hitlers Herrschaft im Dritten Reich hatte große Folgen für die Weltgeschichte. Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Abhandlungen, die sich entweder auf die Politik der Nationalsozialisten konzentrieren und den sozialen Aspekten wenig Beachtung schenken oder andersherum sich auf die Geschichte der Opfer konzentrieren und somit eine eingeschränkte Analyse der NS-Politik und ihres Umfeldes zulassen. Saul Friedländer hingegen hat ein Buch in Form eines Berichtes erarbeitet, in dem die politischen Maßnahmen der Nationalsozialisten das zentrale Element bilden, aber zugleich die umgebende Welt sowie Einstellungen, Reaktionen und das Schicksal der Opfer gleichwertig betrachtet wird.

Das Monumentalwerk ist in zwei Bände eingeteilt, die chronologisch aufgebaut sind. Der erste Band behandelt die Jahre von 1933 (Machtergreifung der NSDAP) bis 1939 (Kriegserklärung gegen Polen), die Jahre der Verfolgung. In den ersten Monaten des Jahres 1933, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung, ergriffen viele jüdische und linke Künstler und Intellektuelle (u. a. Walter Benjamin, Lion Feuchtwanger, Otto Klemperer, Bruno Walter) die Flucht aus Deutschland. Der kulturelle Bereich war somit der erste, aus dem Juden in großem Umfang vertrieben wurden. Doch zeigt Friedländer auf, dass nicht die Juden, sondern Kommunisten die ersten Opfer des neuen Regimes und seines Terrorsystems waren. Es zeigt sich, dass die Diskriminierung der Juden per Gesetz eingeführt wurde, indem sie u. a. aus der Staatsverwaltung, Medizin, Justiz, Kultur und Landwirtschaft verwiesen wurden. Demzufolge wurde eine systematische Politik der Absonderung und Verfolgung von Juden betrieben und dies nicht nur innerhalb der deutschen Grenzen, sondern außerdem in Österreich, Frankreich und Polen. Die Zuspitzung befand sich in der Reichskristallnacht, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, mit dem Angriff der deutschen Bevölkerung auf ihre jüdischen Mitbürger. Damit fand die Grundsteinlegung für die systematische Ausrottung der Juden Deutschlands und Europas statt.

Das dunkle Kapitel in der Geschichte Deutschlands wird in dem Teil "Jahre der Vernichtung" behandelt. Es kristallisieren sich drei Stadien heraus: die Zeit des Terrors (Herbst 1939 bis Sommer 1941), der geschehene Massenmord (Sommer 1941 bis Sommer 1942) und schließlich das Kapitel "Shoah", das als Begriff "Holocaust" in die Weltgeschichte eingegangen ist. Dieser Band zeigt die Wirkungskraft der nationalsozialistischen Politik, die auf die Angst der Deutschen zielte, dass die Juden das Deutschtum und die arische Welt ins Verderben stürzen. Die Erlösung davon könne lediglich durch einen totalen Sieg über die Juden gewonnen werden. Dabei wurde sehr systematisch vorgegangen, anfangs durch Pogrome, später durch Inhaftierung der Juden in Arbeits-, Konzentrations- und schließlich Vernichtungslager, in denen die Juden und andere politisch Verfolgte ihr Leben verloren. In diesem Bereich des Buches wird die Macht eines einzelnen Menschen, in Gestalt des ehemaligen Reichskanzlers Adolf Hitler, deutlich. Insgesamt circa 6 Millionen Juden sind während der letzten Phase der antijüdischen Hetze, beschlossen durch die Wannseekonferenz, getötet worden.

Das Buch ist eines der bedeutendsten Werke über das Schicksal der Juden während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Es werden die Grausamkeiten der damaligen Diktatur sehr detailliert dargestellt. Untermauert werden die Fakten und Rückschlüsse durch zahlreiche Berichte von Zeitzeugen. Auf diese Weise werden Einzelschicksale mit dem Gesamtgeschehen verbunden. Die Gewichtung Opferperspektive – Täterperspektive ist recht ausgeglichen. Anhand theoretischer Darlegungen wird die reale Seite der Geschichte erkennbar und somit damit bestialischen Methoden einer terroristischen Regierung. Als Leser leidet und fühlt man mit den Opfern mit. Das Buch lässt erkennen, wie schlimm man es als Jude zur damaligen Zeit hatte oder, wie Hermann Göring am 12. November 1938 sagte: "Ich möchte kein Jude in Deutschland sein."

Susann Fleischer
16.03.2009

 
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Das Buch:

Saul Friedländer:
Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933 - 1939; die Jahre der Vernichtung 1939 - 1945. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer

Bild: Buchcover Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933 - 1939; die Jahre der Vernichtung 1939 - 1945

München: dtv 2009
1318 S., € 19,90
ISBN: 978-3-423-34519-4

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