Medien & Gesellschaft

Zaumzeug der Zensur

Im schönsten Sächsisch säuselte Staats- und Parteichef Walter Ulbricht vor vier Jahrzehnten: «Eine Zensur findet nicht statt!» Wer´s glaubt, wird selig, wagten nicht mal die gläubigsten Genossen zu sagen. Die Lüge war zu dick aufgetragen und deshalb der Ulbricht-Spruch nicht mal was für´s herzhafte oder höhnische Gelächter. Die Zensur in der DDR war etwas Lächerliches. Etwas Anmaßendes. Etwas Dummes. Etwas Verderbliches. Die Zensur war eine Verderberin. Sie diskreditierte den deklarierten Sozialismus. Sie machte Menschen klein und kleinlich. Nicht nur die, die zensierten. Auch die, die zensiert wurden. Und die, die sich schreibend selbst zensierten. Die Selbstzensur war die verheerendste Zensur in der DDR.

Vieles ist bereits über die Zensur in der DDR gesagt. Viel, viel zu wenig über die Selbstzensur der Schriftsteller. Beispiele gibt es so viele, wie es Beispiele der praktizierten staatlichen Zensur in dem Buch «Zensurspiele» gibt. Die Haupt-Autoren der Ausgabe, Simone Barck (1944-2007) und Siegfried Lokatis, sind ein eingespieltes Team gewesen. In regelmäßigen wie unregelmäßigen Abständen legten sie in der «Berliner Zeitung» jahrelang offen, was sie im Labyrinth der Literatur-Zensur fanden. Nicht nur für Beteiligte, Betroffene, Kenner der DDR und ihrer Literatur waren die Veröffentlichungen eine Offenbarung.

Was wussten die Leser vom Gebaren der Parteiideologen, die meinten, alles Denken auf Linie zu bringen beziehungsweise zu halten. Die Käufer, sprich Leser der DDR-Literatur, wussten wenig von den wirklichen Auseinandersetzungen der Autoren mit dem nicht existierenden, existenten Zensur-Amt. Das hatte sich als Abteilung für Druckgenehmigungen getarnt und logierte unterm Dach der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Wenn, dann kursierten Gerüchte, die dazu führten, dass Bücher von DDR-Autoren zu Bückware wurden. Das heißt, sie blieben unterm Ladentisch und waren nur mittels bester Beziehungen zu bekommen. Auch das bewirkte die Zensur, ohne dass die Zensur das bewirken wollte. Das Wesen der Zensur will das Barck-Lokatis-Buch nicht analysieren, nicht mal beschreiben. Dennoch ist der Band «Zensurspiele» auf seine Art eine exzellente Beschreibung und Analyse der Zensur. Jeder der geschilderten Fälle ist ein Fall, der Wesen und Wirkung der Zensur deutlicher und deutlicher werden lässt. Mit dem doch schon beachtlichen Abstand zur Kenntnis genommen, ist das Staunen groß, wie groß die Ängstlichkeit der vermeintlich starken Partei- und Staats-Macht war. Hinter jedem Wort witterten die Mächtigen die Gefährdung von Staat, Partei, schließlich der gesamten DDR. Jene Mächtigen, die so gern «unsere Schriftsteller» sagten und versagten, wenn sie «ihren» Schriftstellern die lange Leine hätten geben können. Stattdessen wurde das Zaumzeug der Zensur angelegt. Genützt, wissen wir, hat es gar nichts. Wie geschickt sich DDR-Autoren gegen den Zwang wehrten, zu wehren wussten, sich ihm widersetzten, davon ist in vielen Beiträgen so manches zu lesen. Kaum etwas davon, wie gelegentlich die Gutachter der Manuskripte zur Stütze der Schriftsteller wurden, wenn sie, im besten Fall, die Hauptverwaltung hinters Licht führten.

Die Geschichte der DDR-Zensur ist noch schillernder gewesen als in Barck/Lokatis' facettenreichem Buch dargestellt. Das Buch will und ist keine Geschichte der Zensur. Es ist voller Geschichten der Zensurgeschichte. Das Buch will und ist keine andere Art der Geschichte der DDR-Literatur. Es ist voller Geschichten der Literaturgeschichte der DDR. Zu sagen, «Zensurspiele» ist mit Vergnügen zu lesen, ist nicht verwerflich. Das Vergnügen ist in der Einsicht, wie Lachhaft doch Lächerliches ist. Zensur blamiert nicht die Zensierten. Zensur blamiert den Zensor. Allzeit! Schmerzhaft ist, dass Zensur zumeist Lebende trifft, die dann unter der Zensur leiden.

Bernd Heimberger
31.03.2008

 
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Das Buch:

Simone Barck, Siegfried Lokatis:
Zensurspiele. Heimliche Literaturgeschichte aus der DDR

Bild: Buchcover Simone Barck, Siegfried Logatis, Zensurspiele. Heimliche Literaturgeschichte aus der DDR

Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2008
288 S., € 20,00
ISBN: 978-3-89812-539-0

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