Erzhlbnde & Kurzprosa

Sptsommer-Liebe

Die zur Routine gewordene langjährige Ehe, die kindliche Natürlichkeit im Umgang mit Behinderten, das teils tragische, teils liebevolle Verhältnis zwischen Mensch und Tier und nicht zuletzt die innere Zerrissenheit der Mittvierzigerin, die nach ihrer Scheidung vor einem Neuanfang steht – dies sind nur einige Themen, denen sich Angelika Heynig in sechs Kurzgeschichten widmet.

"Damals in Dresden mit nichts als dem Leben!", so lautet der Titel des Büchleins, in dem es um Beziehungen vielfältigster Art geht. Der Leser darf miterleben, wie Frauen im reiferen Alter sich selbst regelrecht wiederentdecken und ganz unterschiedlich mit dieser Erfahrung umgehen. Während die Geschiedene ihre gewonnene Freiheit nutzt und eine neue, spontane Liebe zulässt, verharrt die langjährige Ehefrau in ihrem inneren Gefängnis, dem sie nur in romantischen Träumereien entflieht.

Damals in Dresden

Die Ehe der Familie Bader ist längst zur Routine geworden. Während Herr Bader seine Frau allenfalls noch als Störfaktor beim täglichen Zeitungsstudium wahrnimmt, quälen den rundum verwöhnten Sohn vor allem seine überzogenen materiellen Erwartungen.

Frau Bader lebt in ihrer eigenen Welt aus Träumen und einer tiefen Sehnsucht nach Liebe und einem Leben außerhalb ihres tristen Hausfrauen-Alltages. Sie erinnert sich an Dresden, daran, wie sie als kleines Mädchen mit ihrer Mutter durch die verkohlten Ruinen der Stadt irrte, hungrig, erschöpft und mit erstorbenem Blick. Damals fanden sie einen kleinen Spatz mit gebrochenem Flügel und mit einem Male waren sie wieder da: die Gefühle, das Mitleid mit diesem winzigen, hilflosen Geschöpf. In jenem Augenblick war ihnen bewusst geworden, was wirklich zählt: Wir leben!

Heute geht es den Baders gut, aber glücklich sind sie nicht. Sie leben aneinander vorbei und haben verlernt, das Schöne zu sehen, den Tautropfen, der wie ein Regenbogen im Licht der Morgensonne erstrahlt.

Wie ein Samurai

Der Zeitung lesende männliche Langweiler ruht auch im Zentrum der zweiten Geschichte. In den Tagträumen seiner Frau jedoch erscheint er als geheimnisvoller Samurai oder reitet als stolzer Beduine auf einem wilden Hengst einher, überschäumend vor Temperament und Manneskraft. Sie empfängt ihn mit einer Lotusblüte in der Hand – dem uralten Symbol für Reinheit, Treue, harmonische Zweisamkeit und den geheimen Brunnen der Lust, das Intimste jeder Frau ... Doch es ist nur ein Traum.

Während sie in den Regungen ihres Ehemannes nach etwas Begehrenswertem sucht, stochert der mit dem großen Zeh unbeholfen nach seinem Filzpantoffel. "Ich hab´ ihn eben lieb!", belügt sie sich selbst. Es ist die Lüge so vieler Frauen, die still leiden ...

Auf der Achterbahn

Sie ist jung, aber glücklich ist sie nicht. Wen interessiert schon eine Frau, die für den Rest ihres Lebens an Krücken gehen muss?

Ein kleiner Junge bettelt sie an, mit ihm Achterbahn zu fahren. Ausgerechnet sie hat er ausgesucht, die Behinderte, die von allen nur mitleidige Blicke erntet, Blicke, die erniedrigend sind, obgleich sie Anteilnahme meinen. "Die Arme, sie ist noch so jung!" Der Junge vollbringt ein kleines Wunder: Er nimmt sie an, als wäre es das Natürlichste der Welt, behindert zu sein. Er macht sie stark, gibt ihr das Selbstbewusstsein zurück und ein Gefühl von Leichtigkeit dazu. Nein, sie ist nicht arm! Ihre Seele ist noch heil!

Der Winter ist noch weit

Übermorgen wird sie 45. Doch erst jetzt, nach ihrer Scheidung, fühlt sie sich frei, attraktiv und begehrenswert, so als stünde sie vor einem neuen, verlockenden Anfang.

Ein Mann um die Dreißig, gutaussehend, folgt ihr, spricht sie an! Aber sie ist doch schon 45! "Es wird Herbst!" weicht sie aus, als er sie um ein Wiedersehen bittet. "Ja!", erwidert er sanft, "doch der Winter ist noch weit."

Beeindruckendes Zeugnis weiblicher Gefühle

Treffsicher und mit viel Empathie beschreibt Angelika Heynig die Lebenswirklichkeit zahlloser Frauen, deren Leistungen von den Familien und der Gesellschaft übersehen werden. Sie macht diesen Frauen Mut, aus ihrer Routine auszubrechen, sich auch mit über vierzig, mit einer Behinderung oder nach einer gescheiterten Ehe nicht klein zu fühlen, sich nicht aufzugeben, ihre Reife und Lebenserfahrung als einen wertvollen Schatz zu erkennen und selbstbewusst einen neuen Anfang zu wagen. All die hier vorgestellten Frauen sind attraktiv, begehrenswert, haben Lebenserfahrung; ihre Träume, Sehnsüchte, Gefühle sind noch lange nicht erstorben.

In zwei besonderen Geschichten, in denen Tiere die Hauptrolle spielen, thematisiert die Autorin die Zerstörung der Erde durch den Menschen sowie das überaus aktuelle Thema der tiefgreifenden Spaltung unserer Gesellschaft in arm und reich. Und wieder spürt man in jedem Satz das beinahe körperliche Mitleiden mit allem Lebenden, das am Egoismus des Menschen und an seinen Umweltgiften zu ersticken droht.

Angelika Heynig schreibt voller Leidenschaft, fühlt sich tief verbunden mit ihren Protagonisten. Ihr Buch ist ein wunderbares Zeugnis zutiefst humaner, weiblicher Gefühle.

Mario Lichtenheldt
19.07.2010

 
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Das Buch:

Angelika Heynig: Damals in Dresden mit nichts als dem Leben! Kurzgeschichten

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Frankfurt am Main: Frankfurter Literaturverlag 2009
41 S., 9,80
ISBN: 978-3-8372-0582-4

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