Erzhlbnde & Kurzprosa

Sich selbst sehen

Sie singen kein Duett. Sie singen nicht im Duett. Sie täuschen keinen direkten Dialog vor. Ständig sind sie im indirekten Dialog: Christoph Klimke und Mario Wirz. Arm in Arm kommen sie mit dem Buch "Nachrichten von den Geliebten" daher. Freunde im Geiste und der Gesinnung, pflegen sie ihre Gegensätze und Gemeinsamkeiten. Davon profitiert ihr gemeinsamer Prosaabend, in den, schön voneinander getrennt, ihre Texte eingebunden sind. Gewidmet ist der Band dem verstorbenen Dichterfreund Detlev Meyer. Dem Sprachvirtuosen wollen die beiden nicht nachlaufen. Was wollen, was können Klimke und Wirz? Sie erinnern sich. Und erinnern sich. Und erinnern sich. An die Familie. An Freunde. An die frohen Stunden ihres Seins. Stoff ist genug da. Und nicht nur wegen der Zeiten des Lebens mit Aids.

"... im Herbst kommt mein neues Buch. Und die Antwort wird sein: Ach, das kommt noch hinzu!", schreibt Christoph Klimke. Und Mario Wirz stellt ganz allgemein fest: "Ein Bestseller wird das nicht." Also haben die Leser, mit dem, was sie in den Händen halten, Hinzugekommenes. Verfasst von zwei Autoren, die sich mit anderen literarischen Arbeiten einen guten Namen gemacht haben. "Mein Schreiben war von Anfang an auch therapeutisch", sagt Wirz. Und sagt das nicht zum ersten Mal. Jeder weiß das, der seine Bücher kennt. Von Klimke gibt es in dem Band keine derart kategorische Erklärung zu seinem Schreiben. Klimke ist der Sachlichere und Nüchternere. Zwei unterschiedliche Temperamente artikulieren sich in den Texten. Nun zu sagen, "Nachrichten von den Geliebten" ist eine Sammlung von Selbstbespiegelungen, heißt, die Sache zu treffen und nicht alles über die Sammlung gesagt zu sagen. Sie ist kein beliebiges, belangloses Sammelsurium. Beim Selbst zu sein und oft auch zu bleiben bedeutet ja nicht, dass sich keine Welten öffnen.

Älter und älter werdend, ohne schon alt zu sein, summieren die Schriftsteller in den vielen kurzen Texten einiges von dem, was den Älterwerdenden widerfährt und ihnen im Laufe der Jahrzehnte widerfahren ist. Sich fortgesetzt im Zeitenspiegel zu betrachten heißt, fortgesetzt zu vergleichen. Was war? Was ist? Was wird sein? Sein wird der Tod! Immer war der Tod in allen Tagen. Die Autoren haben Abgestorbenes aufgehoben. Und sei es in den kleinen Fotos mit den gezackten Rändern. Jedes geschriebene Wort ist auch ein Wort des Triumphes der Lebenden über den Tod. Das gilt für Wirz entschiedener noch als für Klimke. Sich im Reich der Träume und Erinnerungen zu bewegen heißt, den Reichtum des Lebens herauszukehren, den der Tod nicht haben kann. In dieser Haltung sind die Autoren dem Elias Canetti nah und verwandt, der mit seiner inneren Leidenschaft und sprachlichen Mächtigkeit dem Tod kraftvoll widerstand, der für ihn ein einziger Skandal war. Wenn, dann ist für Klimke und Wirz vor allem das Sterben skandalös, das sie mitansehen beim Fortgehen vieler Freunde. Zum Beispiel auch des Dichters Detlev Meyer, dessen poetisch-präzise Kurzprosa auch die Bewunderung der beiden hat.

Klimke und Wirz sind nicht Canetti. Sind nicht Meyer. Sie sind Klimke und Wirz. Wenn Klimke davon spricht, dass das Schreiben ein Verrätseln ist, "um zu enträtseln", dann ist er eher ein zurückhaltender Verrätsler. Er ist eindeutiger im Erzählen und Berichten, er lässt das Pädagogische über das Poetische dominieren. So wird bei Klimke mancher guten Schlusspointe der gute Klang genommen. Wirz, in seiner Selbstverliebtheit, ist entschiedener und energischer im Verrätseln. So bleibt er Spielerischer im literarischen Spiel. So überspielt er mit dem ironischen Wirz-Witz häufig wiederholte, bisweilen wehmütige, auch elegische Sentenzen, die sein sentimentales Ich all zu sehr in den Vordergrund rücken. Die Texte des Bandes haben oft die beeindruckendste Qualität, wenn sich die Erzähler auf ihre publizistischen Möglichkeiten des Mitteilens "reduzieren", also wesentlicher und wirkungsvoller sind. So versinken die Erinnerungen von Christoph Klimke und Mario Wirz nicht in einem alles verbergenden Morast.

Bernd Heimberger
12.10.2009

 
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Das Buch:

Christoph Klimke und Mario Wirz: Nachrichten von den Geliebten

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Berlin: Querverlag 2009
202 S., 16,90
ISBN: 978-3-89656-172-5

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