Erzhlbnde & Kurzprosa

Das Leben eines Hilfsbuchhalters

Zum 120. Geburtstag des portugiesischen Vorzeigeautors Fernando Pessoa ist 2008 "Das Buch der Unruhe" in einer Neuauflage erschienen. Es wird als eine Autobiographie ohne Ereignisse betitelt, die das Leben des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares wiedergibt. Das Buch ist aus Fragmenten zusammengesetzt, an denen der 1935 im Alter von 47 Jahren und an den Folgen seines Alkoholismus verstorbene Autor 20 Jahre lang gearbeitet hat.

Der inoffizielle Titel des Buches gibt den Inhalt dieses "Jahrhundertwerkes" wieder. Es geht nicht um Geschehnisse oder Ereignisse, durch die sich ein roter Faden zieht, sondern vielmehr um Momente, Gedanken und Betrachtungen. Aus diesem Grunde kann man das Buch an einer beliebigen Stelle aufschlagen und einfach anfangen zu lesen. Die philosophische Betrachtung des Lebens zeigt dem Leser neue Erkenntnisse auf, die dieser womöglich für sein eigenes Leben verwenden kann. Alles wird von einem Ich-Erzähler vorgetragen, dessen Leben recht belang- und ereignislos ist, einfach gewöhnlich. Konträr dazu stehen Soares´ Gedanken, die sich durch eine gewisse Intelligenz und Tiefgründigkeit auszeichnen. Seine seelische Grundhaltung ist melancholisch, wenn nicht gar depressiv. Aber gerade aus diesem Grund entwickelt er eine seine Beobachtungsgabe, mit der er andere Menschen teilweise durchschauen kann.

An den Hauptteil reiht sich "Zusatzmaterial" an. Es handelt sich hierbei um Arbeiten, die Pessoa unter der Bezeichnung "Große Texte" gesondert veröffentlichen wollte. Doch sind in diesen Fällen leider nur Fragmente erhalten. Sie sind teilweise mit Pessoas eigenem Humor geschrieben (so wie die "Ratschläge für unglücklich verheiratete Frauen", zu denen alle weiblichen Personen gehören, die eine Ehe geschlossen haben und die Pessoa zu einer Untreue im Geiste verführt). Doch zeichnen sich di zusammengetragenen Texte wie die vorhergehende "Autobiographie ohne Ereignisse" durch eine gewisse Intelligenz, einen philosophischen Gehalt aus.

Hinter der Figur des Hilfsbuchhalters steckt der Autor selbst. Er kann durch die Verwendung des Heteronyms Bernardo Soares seine Gedanken, Gefühle und Weisheiten an andere Menschen weitergegeben, ohne selbst in Erscheinung treten zu müssen. Der philosophische Text strahlt aber, im Gegensatz zur Erwartung beim Lesen des Titels, eine Ruhe aus, der sich der Leser ohne weiteres hingegeben kann. Das Buch fesselt von der ersten bis zur letzten Seite mit Sinnauslegungen für das Leben, für die Berechtigung des menschlichen Seins. Dabei zeigt es das Drama im Menschen auf, dem sich jeder früher oder später stellen muss. Das Buch demonstriert eindrucksvoll, dass Fernando Pessoa zu Recht einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts ist. "Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares" ist eines der berühmtesten Werke der Moderne, ohne Vergleiche mit anderen Publikationen scheuen zu müssen.

Susann Fleischer
02.03.2009

 
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Das Buch:

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Aus dem Portugiesischen von Ins Koebel

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Zrich: Ammann Verlag & Co. 2008
576 S., 19,90
ISBN: 978-3-250-25002-9

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