Erzählbände & Kurzprosa

Ungewöhnliches als Erzählstoff

Dieter Dahle ist Dozent für Mathematik und Physik. Das erklärt den Tüftler in ihm, der Ungewöhnliches als Erzählstoff verwendet und dabei versteckt und leise Spannung aufbaut. "Das Plejadenquartett. Der gestrandete Muldebiber" - ein kleiner, aber feiner Band, der zwei Erzählungen lesen lässt - kreist nicht um Sensationen, sondern um Merkwürdigkeiten.

Das Plejadenquartett hatte seinen Namen vom bekannten Sternhaufen. Das ist ein an sich widersprüchlicher Name, denn zu den Plejaden zählen mehr als nur vier Sterne. Aber so sollte es auch sein: In der Erzählung, die in Zürich beginnt und auch dort endet, weitet sich die Schar aus und sie verrät nach und nach ihre geheimnisvollen Bezüge. Zur Hauptsache läuft die Erzählung in Eschenstadt am Fluss Mulde. Lichtgeflacker, kühles Bier und überraschende Begegnungen am Plejadenstammtisch im Stadtturm stecken das Feld ab, auf welchem sich eine Enthüllungsgeschichte entfaltet.

So jagt der Leser einem Wissensfetzen nach und dem nächsten hinterher; er folgt philosophischen Gesprächen, bis er erkennt, dass der seltsame Kurowski an Bedeutung gewinnt. Von ihm wird man zu einem weit zurückliegenden Fall geführt, zu dem die Namen Merope und Alkyone gehören. Nur so viel sei verraten: Merope und Alkyone werden von den Astronomen zu den Sternen des Plejadenhaufens gezählt. Aber man jagt nicht durch die Milchstraße, sondern durch die neuere Geschichte, mit den einstigen Alliierten auf der einen Seite und der DDR auf der anderen. Eine mysteriöse Sache vor dem Hintergrund des Kalten Krieges.

Dahle erzählt sehr leicht, seine Szenerie ist nachvollziehbar, weil die Sprache trotz aller Geheimnisse verständlich bleibt. Das gilt auch für die zweite Erzählung, einem Schwank aus dem 16. Jahrhundert, dessen Basis dem Archiv entstammt. Dahle hat unter dem Titel "Der gestrandete Muldebiber" eine weitere Erzählung geschrieben - eine verlockende Beute für alle, die schnell neugierig werden. Der Fluss, ein Boot, ein toter Biber, dazu Menschen im Ungewissen, das ist der Stoff dieser Geschichte. Sie lebt von der Stimmung, der Unklarheit zwischen betroffenen Menschen, dem Reiz der Natur.

Man vernimmt so einiges, wenn man diese zweite Erzählung liest. Was mag denn ein Gehorsamsstüblein sein? Der Leser erfährt es. Was geschah am Fluss, was später in der Kirche? Und was hat das auffällige rotkarierte Taschentuch zu bedeuten? In so mancher Situation steckt Komödienpotenzial, der Leser darf sich wundern und er darf schmunzeln.

Es sind zwar nur 85 Seiten, die diesen Band ausmachen, aber sie öffnen in zwei sorgfältig geschriebenen Texten je eine eigene Welt. Wer das fertig gelesene Buch hinlegt, wird sich fragen, wie ein Autor Mathematik und Physik lehren kann, wenn er solche Geschichten schreibt. Spannend. Mit viel Freude am Rätsel. Respekt vor dem Geheimnis im Kleinen.

Ronald Roggen
11.07.2011

 
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Das Buch:

Dieter Dahle:
Das Plejadenquartett. Der gestrandete Muldebiber

Bild: Buchcover Dieter Dahle, Das Plejadenquartett. Der gestrandete Muldebiber

Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2010
85 S., € 11,80
ISBN: 978-3-8372-0732-3

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