Erzhlbnde & Kurzprosa

Bochum meine Perle

Pünktlich zum Jahr 2010 und der Ernennung des Ruhrgebietes zur Kulturhauptstadt Europas erscheint mit Frank Goosens neuestem Werk "Radio Heimat" eine literarische Liebeserklärung an Bochum und das Ruhrgebiet. Ganz im Trend der Werke von Rocko Schamoni, Heinz Strunk und auch Florian Illies` "Ortsgespräch" werden die Kinder- und Jugendjahre melancholisch verklärt und glorifiziert: "Früher heißt das Land, in dem alle Hoffnungen wahr geworden sind." 

Der Kabarettist und Buchautor Frank Goosen hat bereits in der Vergangenheit sowohl durch einige Erfolge auf dem Buchmarkt ("Liegen lernen", "Weil Samstag ist" etc.) als auch durch Auftritte in verschiedenen Sendungen des Deutschen Sportfernsehens (DSF) einen überregionalen Bekanntheitsgrad erlangt. Die Auftritte unter anderem in "Doppelpass" sind seiner extremen Fußball-Leidenschaft geschuldet. Natürlich wird auch diese Liebe für seinen Heimatverein VfL Bochum und die elementare Bedeutung des Fußballs für das Ruhrgebiet im vorliegenden Buch thematisiert.

Was rechtfertigt nun die Existenz eines weiteren Buches im Stile der Schamonis und Strunks? Wird die explizite ruhrgebiets-spezifische Sicht auf die Dinge benötigt? Natürlich unterscheidet sich "Radio Heimat" in mancherlei Hinsicht nicht von den oben erwähnten Büchern: Die ersten Berührungen mit Alkohol und dem anderen Geschlecht im Partykeller von Freunden oder im Ford Taunus bzw. die retrospektive Betrachtung des Fernsehprogramms von einst sind in Bochum sicherlich denjenigen im Hamburger Umland, Vogelsberg oder der schleswig-holsteinischen Provinz sehr ähnlich. Was jedoch den Unterschied ausmacht, ist die im Buch allgegenwärtige Gewalt der Sprache im Ruhrgebiet. Diese ist so ehrlich und direkt, pointiert und auf den Punkt bringend, dass es nicht verwundert, dass "Radio Heimat" mit 168 Seiten letztlich ein nicht besonders umfangreiches Werk geworden ist: "Woanders is auch scheiße, oder?" Wofür andere zig Worte und Sätze benötigen, genügen im Deutsch des Ruhrgebiets fünf Worte.

Diese und andere Weisheiten von Omma und Oppa - jawohl, beides mit Konsonantenverdoppelung - sind Quintessenzen, die das Buch lesenswert und zu einem Fundus an Sentenzen machen. Hier wird dem Leser durchaus mehr mitgeben als bei so manch hochtrabender Literatur, die mit codierten und vom Leser erst noch zu interpretierenden Botschaften arbeitet: "Mach die Augen zu und iss!" Das passt und sitzt. Schließlich ist im Ruhrgebiet direkte Sprache Trumpf!

Glücklicherweise lässt Goosen Zweifel daran, dass seine Erinnerungen garantiert den tatsächlichen Begebenheiten entsprechen. Somit tritt das kabarettistische Element klar in den Vordergrund und deutlicher zutage als bei seinen oben genannten Kollegen. Aber egal wie viel Wahrheitsgehalt die Geschichten rund um Trinkhallen und Schrebergärten in sich tragen, Goosen begeistert den Leser, indem er das Ruhrgebiet lebendig werden lässt, indem er das Typische und jegliche Klischees gleichermaßen bedient wie auch zu widerlegen versucht. Eine Widerlegung lag Goosen vor allem bezüglich des Vorurteils am Herzen, dass die Menschen im Ruhrpott es bevorzugen würden, dass Fußball gearbeitet anstatt gespielt wird. Nein, auch Frank Goosen und seine Freunde würden gerne einmal das bajuwarische Ballett des FC Bayern in blauen Jerseys zaubern sehen.

"Radio Heimat" hat das Zeug, im Zuge der diesjährigen Regentschaft des Ruhrgebiets als Kulturhauptstadt Europas als eine humoristische Leitfibel zu dienen. Neuzeitliche Phänomene und Schlagworte à la "Strukturwandel" finden sich ebenso darin wie liebevolle und zu Tränen rührende Geschichten um die Gründung einer Rockband oder die Auflösung von Goosens Stammkneipe, profane Hymnen auf die A40 und ernstzunehmende Warnungen vor Wodka Wick-Blau. Am Ende hat "Radio Heimat" alle abgeholt: Sowohl den "Ruhrpottler", der bestimmt vor lauter bestätigendem Nicken während der Lektüre Kopfschmerzen bekommen hat, als auch den Auswärtigen, dessen Neugier definitiv geweckt worden ist, diese Region Deutschlands samt ihrer schrulligen und individuellen Bewohner auch einmal persönlich kennenlernen zu wollen.

Christoph Mahnel
18.01.2010

 
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Das Buch:

Frank Goosen: Radio Heimat. Geschichten von zuhause

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Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2010
168 S., 14,95
ISBN: 978-3-821-86072-5

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