Wissenschaft

Literatur im Unterricht ein Auslaufmodell?

Sich mit Goethe, Schiller, Brecht und Kafka im Deutschunterricht zu beschäftigen, ihre Werke gar in Gänze zu lesen, sie zu deuten, eigene Schlüsse daraus zu ziehen und damit einen Teil unseres kulturellen Erbes zu verinnerlichen, scheint fast zu einem Auslaufmodell an deutschen Schulen geworden zu sein. Egal, wie sehr man als Lehrender selbst die Welt der Literatur liebt und sie gerne der nachfolgenden Generation schmackhaft machen möchte, so sehr sieht man sich in der Realität doch vor unüberwindlichen Hindernissen im Literaturunterricht stehen. Die Bücher der deutschen Dichter und Denker werden heute von den meisten Schülern nicht mehr gelesen, denn -wieviel Zeit und Mühe kann man sich sparen, wenn man sich schnell die Zusammenfassung auf Wikipedia "reinzieht"? Da ist guter Rat teuer für den Deutschlehrer oder Literaturdozenten, der sich einer Meute Schüler gegenüberstehen sieht, die Wikipedia für die bessere Alternative zu den für heutige Schüler schwer verständlichen sogenannten Klassikern halten.

Die Literaturdidaktik beschäftigt sich mit dem "Wie" des Literaturunterrichts, also den Lehr- und Lernprozessen, die dem Unterricht, in dem es um den Umgang mit Literatur geht, zugrunde liegen. Natürlich kann sie die gesellschaftlichen Umstände, die ganz offensichtlich zu einem veränderten Konsum von Literatur führen, nicht ändern, sondern sich lediglich daran orientieren und ggf. ihre Methoden und Prozesse anpassen. Ob dies jedoch wünschenswert ist, ist eine andere Frage. Grundsätzlich soll das Studienbuch "Literaturdidaktik" einen Überblick bzw. eine Einführung in die Vermittlung von Literatur im Deutschunterricht geben.

Die Autoren Martin Leubner, Anja Saupe und Matthias Richter sind selbst Professoren für Didaktik bzw. Fachleiter an einem Studienseminar und bilden damit in ihrer Funktion angehende Deutschlehrer aus. Der Aufbau dieses Studienbuches konzentriert sich nach einer Einleitung, die den Gegenstand, also die Literaturdidaktik, definiert, auf die Ziele, die Gegenstände und die Verfahren, also die Lernprozesse des Literaturunterrichts. Teilgebiete der Ziele sind der Erwerb der Textverstehenskompetenz und die literarische Sozialisation. Entsprechend der literarischen Gattungsbegriffe gliedert sich das Kapitel Gegenstände in epische, lyrische und dramatische Texte. Ergänzt wird es durch die medialen Texte, also die Filmanalyse, die immer mehr Raum im Deutschunterricht einnimmt.

Im Kapitel über die Verfahren im Literaturunterricht geht es um die Methoden, die Aufgabenstellungen, das Schreiben über Literatur und die Gestaltungen von Unterrichtseinheiten. Die beiden letztgenannten Abschnitte sind ein Zusatz, der erst in der nun vorliegenden dritten Auflage dieses Studienbuches hinzugefügt wurde. Der Serviceteil im Anhang gibt Hinweise auf Lexika, Handbücher, Institutionen und Verbände sowie Tipps für die Konzeptionierung von Unterrichtseinheiten.

Grundsätzlich ist dieses Literaturdidaktik-Studienbuch von Leubner/Saupe/Richter eine gute Basis für Lehramtsstudenten und solche, die sich für die Gestaltung von Literaturunterricht -vornehmlich an Gymnasien -interessieren. Man muss es auch nicht streng von vorne bis hinten lesen, ein Überfliegen und Verstehen der Kapitel wird durch die durchgängigen, zusammenfassenden Stichpunkte zu einzelnen Abschnitten an den Seitenrändern erleichtert. Konkrete Tipps für den eigenen Unterricht findet man als Lehrer hier sicherlich auch, sie sind aber in der Minderheit. Vieles bleibt theoretisch -wenn auch an aktuellen Studien wie der PISA-Studie ausgerichtet -und man bleibt als interessierter Leser, der nach einer Lösung des Problems sucht, am Ende eines Kapitels meistens genauso schlau wie vorher zurück.

Die Probleme, die sich dem Deutschlehrer im heutigen Unterricht stellen, sind natürlich mit einem solchen Studienbuch nicht zu lösen, da sie u. a. an der auch im Buch erwähnten literarischen Sozialisation und dem gesellschaftlichen Wandel liegen. Diese Problematik lässt sich auch vom besten Lehrer und vom besten Unterricht nicht ändern. Da hilft es auch wenig, wenn der Lehrer kompetent ist und selbst eine Begeisterung für Literatur, für sein Fach also mitbringt. Eben jene Begeisterung des Lehrers wird im Kapitel "Der gute Lehrer" thematisiert, wobei man sich als Leser sicherlich das Staunen nicht verkneifen kann. Ist man doch immer davon ausgegangen, dass eine Begeisterung für das eigene Fach eine Voraussetzung für die Studienfachwahl ist und als selbstverständlich bei jedem Lehrer vorausgesetzt wird. Nur -was tun, wenn sich diese Begeisterung nicht auf die heutige Schülerschaft übertragen lässt und man wieder vor dem eingangs erwähnten Wikipedia-Problem steht und sich fragt, ob der Literaturunterricht, wie man ihn selbst in der Schule kennengelernt hat, ein Auslaufmodell ist?

Abgesehen von dieser Frage und den Problemen, die die Praxis heute mit sich bringt, ist es natürlich immer gut, sich auf ein theoretisches Basiswissen berufen zu können. Dies findet sich im Studienbuch "Literaturdidaktik", das mit seinen weiterführenden Lektüreempfehlungen am Ende eines jeden Kapitels die Vertiefung einzelner Themen leicht macht und damit jedem Lehramtsstudenten und auch demjenigen Lehrer, der schon lange im Schuldienst ist, Anknüpfungspunkte für neue Ideen und das Ausprobieren neuer Methoden bietet.

Sabine Mahnel
27.06.2016

 
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Das Buch:

Martin Leubner, Anja Saupe, Matthias Richter: Literaturdidaktik

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Berlin: De Gruyter Verlag 2016, 3. Auflage
320 S., 19,95
ISBN: 978-3-11-044094-2

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