Wissenschaften

Ein Potpourri Kantischer Ratschläge für das Leben

Obwohl das gesamte Werk Immanuel Kants mit zahlreichen pointierten und tiefsinnigen Stellen gespickt ist, hat sich der Königsberger Philosoph Zeit seines Lebens nicht als Aphoristiker versucht. Dass er zu einer Veröffentlichung solch kurz formulierter Gedankensplitter jedoch durchaus imstande gewesen wäre, zeigt das vorliegende Buch "Köche ohne Zunge" herausgegeben und eingeleitet von Jens Kulenkampff. Auf knapp 100 Seiten stellt der mittlerweile emeritierte Professor für Philosophie eine Auswahl an Aussprüchen aus Kants Handschriftlichem Nachlass zusammen: eine Auswahl von Notizen und Merksätzen, die dem großen Philosophen der Aufklärung seinerzeit vorwiegend als persönliche Gedächtnisstützen für die Arbeit an seinen Werken und Vorlesungen dienten.

Dem interessierten Leser bietet das literarische Potpourri auf den Punkt gebrachter Gedanken einen raschen Einblick in die große Kantische Themenwelt, die sich von Erkenntnistheorie über Ästhetik bis hin zu moralischer und politischer Philosophie erstreckt. Zu den Formulierungen, die den direkten Kern seines jahrzehntelangen philosophischen Schaffens offenbaren, reihen sich zahlreiche Aussprüche zum alltäglichen Leben. So enthält diese Sammlung beispielsweise auch Überlegungen zu den Besonderheiten von Mann und Frau und viele weitere Thesen zu gesellschaftlichen, politischen und religiösen Fragen. Seine "Reiseempfehlungen" mögen für uns heute kurios klingen: "Ein Reisender kann nur aus vier Ländern in der Welt etwas zu seiner Bildung nehmen: Holland, England, Italien und Frankreich" (S. 59) – insbesondere, da wir wissen, dass Kant selbst weder eines der vier genannten, noch eines der nicht genannten Länder bereist hat. Die meisten Aphorismen jedoch haben nichts an Aktualität und Durchschlagkraft eingebüßt. Kant könnte beispielsweise seinen heutigen Beitrag zum Widerstreit zwischen Hirnforschung und Willensfreiheit mit folgendem Satz eröffnen: "Wir können nicht beweisen, dass wir frei sind (physice); aber wir können doch nur unter der Idee der Freiheit handeln (practice)." (S. 52)

Die Beschäftigung mit den posthum veröffentlichten Gedankensplittern dürfte sich auch für diejenigen Kant-Forscher als Bereicherung erweisen, die mit weiten Teilen seines Hauptwerkes bereits bestens vertraut sind. Dank der aufgeführten Jahreszahlen, die (grob) Aufschluss über den Zeitraum der Niederschrift eines jeden Aphorismus geben, erhält der Leser hier und da einen kleinen Einblick in den Entstehungsprozess des großen Kantischen Theoriegebäudes. So lässt sich beispielsweise eine Formulierung aus Kants vorkritischer Phase finden, die erste rudimentäre Züge des späteren Kategorischen Imperativs aufweist: "Lebe so, dass deine Handlungen auch aus dem Gesichtspunkte anderer gut scheinen." (S. 87)

Im Gegensatz zu den abschreckenden Schachtelsätzen, für die Kants Werke ja mitunter bekannt sind, finden sich in dieser Sammlung von Aphorismen hauptsächlich kurze und prägnante Formulierungen wieder, die den Leser zu einer schnellen inhaltlichen Auseinandersetzung einladen. Dazu gehört auch der Ausspruch, der titelgebend für diesen Band ist: "Es gibt Köche ohne Zunge. Es verlohnt sich wohl, ein Vergnügen zu kultivieren, was täglich genossen werden kann." (S. 28)

"Köche ohne Zunge" liefert uns ein fein abgeschmecktes Menü kultivierter Unterhaltung auf höchstem Niveau, das in der Tat gerne täglich genossen werden kann. Die Aufmachung, der edle Leineneinband und das Lesebändchen, leisten ihr Übriges und machen diese Veröffentlichung zu einem unverzichtbaren Kleinod einer jeden Sammlung hoher Literatur. Der Umschlag, der mit dem berühmten Motiv Friedrich Hagemanns des im Senftopf rührenden Philosophen geziert ist, verspricht es bereits: einen Blick hinter die Kulissen in die alltägliche Gedankenwelt Immanuel Kants, der Zeit seines Lebens darum bemüht war, den Antworten auf die großen Fragen des Menschen so nahe wie möglich zu kommen.

"Alles, was ich sage, ist wahr; aber ich sage nicht die ganze Wahrheit." (S. 67)

Martin Cremers
15.12.2014

 
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Das Buch:

Immanuel Kant: Köche ohne Zunge

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Göttingen: L.S.D., ein Imprint des Steidl Verlags 2014
96 S., € 14,80
ISBN: 978-3-86930-836-4

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