Wissenschaften
Die Weltkriege "in a nutshell"
Seit etwa drei Jahrzehnten ist er der Geschichtslehrer der Deutschen. Seine mediale Aufarbeitung der deutschen Geschichte in unzähligen ZDF-Produktionen setzte Maßstäbe. Um seine Art, Geschichte zu vermitteln, schlagwortartig zu beschreiben, wird gerne der Begriff des "Histotainments" verwendet, eine Wortschöpfung, die eine unterhaltsame Aufarbeitung ("Entertainment") historischer Inhalte beschreibt. Die Rede ist von Guido Knopp, dem Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte und Produzenten unzähliger Geschichtsdokumentationen.
Im kommenden Jahr jedoch wird der dann 65-jährige Guido Knopp in Rente gehen. Somit wird "Weltenbrand", das Weltkriegskompendium des 20. Jahrhunderts, seine letzte Produktion einer Serie sein. Vor kurzem lief im ZDF gerade die erste Staffel mit den drei Folgen, die den Ersten Weltkrieg behandelten. Die voraussichtlich fünf oder sechs Folgen umfassende zweite Staffel, die sich dann mit den Jahren 1939 bis 1945 beschäftigt, soll 2013 folgen und den Schlussstrich unter Guido Knopps Arbeit ziehen. Die Fernsehausgabe der ersten Staffel brillierte mit einer so noch nie dagewesenen Fülle von bewegten und kolorierten Bildern, insbesondere den lebensfrohen Aufnahmen aus dem Sommer 1914, in dem das Schicksal seinen Lauf nahm.
Das vorliegende, im Pendo Verlag erschienene Buch fungiert als Begleitbuch zu der Fernsehproduktion und umfasst bereits beide Staffeln von "Weltenbrand". Knopp spannt den Bogen von 1914 bis 1945 und spricht dabei von einem einzigen, über dreißig Jahre dauernden Krieg. Zwar sind in "Weltenbrand" geschichtlich - wie auch nicht anders zu erwarten - keine großartig neuen Erkenntnisse enthalten, doch tendiert man dazu, die beiden Weltkriege mit größer werdendem Abstand immer mehr als einen einzigen, großen, über drei Jahrzehnte andauernden Weltkrieg zu betrachten, der lediglich von einem trügerischen Frieden unterbrochen wurde. Genau diese Art der Betrachtung verfolgt Knopp in vorliegendem Buch konsequent.
"Weltenbrand" ist der Gegenentwurf zu einem drögen Geschichtsbuch. Ähnlich wie sein Fernsehpendant überzeugt es durch eine reichhaltige Bebilderung. Es liefert das Geschichtswissen rund um die beiden Weltkriege auf etwas mehr als 200 Seiten und somit quasi "in a nutshell". Dieses Buch ist daher auch sehr gut geeignet für Personen, die trotz eines geringen vorhandenen geschichtlichen Fundaments mehr über die Ursachen, den Verlauf und den Zusammenhang der beiden Weltkriege wissen möchten. Die ebenfalls kompakt dargestellte Zeitleiste im Anhang gibt schließlich auf 20 Seiten einen gelungenen Überblick über wenige, aber wichtige Daten im Verlauf der beiden Kriege sowie der friedlichen Übergangsphase.
Im Zuge des Brückenschlags von Erstem zu Zweitem Weltkrieg sowie deren ganzheitlicher Betrachtungsweise verfolgt Knopp schon für die Jahre 1914 bis 1918 die militärischen Karrieren einiger Protagonisten aus dem Zweiten Weltkrieg. Er zeigt den jungen Göring auf Seiten der Deutschen, den Briten Montgomery sowie den späteren französischen Präsidenten de Gaulle. Ziemlich mickrig und eigentlich alles andere als erwähnenswert sind die militärischen Meriten Adolf Hitlers im Ersten Weltkrieg, stünden sie nicht in einem derart erheblichen Kontrast zu den Forderungen, die er später im Wahn des Zweiten Weltkriegs an Millionen von deutschen Soldaten stellte.
Guido Knopps Produktionen sind bei ihrer Erstausstrahlung im ZDF stets ein fernsehgesellschaftliches Ereignis, auch ihre Wiederholungen bilden das Rückgrat einiger Spartenkanäle wie Phoenix oder ZDFinfo, in denen Knopps Dokumentationen teilweise rund um die Uhr zu sehen sind. Sein Gesamtwerk ist hierzulande durchaus als Pionierarbeit zu bezeichnen, legte er doch den Grundstein für einen mittlerweile auch im deutschen Fernsehen weit verbreiteten Standard für Geschichtsfernsehen. Vorbilder und europaweite Pioniere waren hierbei die Produktionen der BBC, an denen sich Knopp früh orientiert hatte und die auch heute in ihrer Machart noch Parallelen aufweisen. 2013 wird jedoch im deutschen Fernsehen mit dem Abgang von Guido Knopp eine Ära zu Ende gehen. Trotz der erfolgten Etablierung von Geschichtsfernsehen in Deutschland steht zu befürchten, dass sich Knopps Nachfolger an seinem Erbe die Zähne ausbeißen werden.
Christoph Mahnel
22.10.2012







