Wissenschaften

Über "Gottgegnadete"

Sie waren die wichtigste Stütze im Propagandakrieg der Nazis: Tausende Musiker, Filmschaffende, Schauspieler, Autoren, und Architekten stellten sich in den Dienst des «Dritten Reichs», ließen sich hofieren, genossen Privilegien und wurden vom Kampfeinsatz verschont. Ernst Klee, der 2003 mit dem «Personenlexikon zum Dritten Reich» Aufsehen erregte, zeichnet nun mit einem «Kulturlexikon zum Dritten Reich» die Spuren von 4000 Intellektuellen nach, von Gegnern, Mitläufern, glühenden Anhängern und Opfer des Nationalsozialismus.

Das Lexikon liest sich wie ein «Who is Who» der Kultur zwischen 1933 und 1945 - und zum Teil danach. Mit knappen biografischen Daten und Zitaten dokumentiert Klee auf mehr als 700 Seiten alphabetisch das Wirken der Dichter, Denker und Darsteller sowie der Kulturfunktionäre in der NS-Zeit - von Gustav Abb, dem Obersten Bibliothekar im besetzten Polen, bis zum «SS-Rasse- und Siedlungsführer» von Paris, Walter Zwickler.

Nie seien Künstler vom Staat so verwöhnt worden, wie in der NS- Zeit, sagte der Jurist Erich Ebermayer, der Winifred Wagner und Emmy Göring im Entnazifizierungsverfahren verteidigte. Viele Stars trauerten nach dem Krieg dem «Tausendjährigen Reich» nach. «So wird's nie wieder sein», titulierte etwa der UFA-Star Ilse Werner seine Memoiren.

Im Oktober 1939 befahl Hitler, die nach seiner Meinung fähigsten Künstler vom Kriegsdienst zu befreien. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels erstellte eine so genannte Gottbegnadeten-Liste.
Schauspieler wie Bernhard Minetti, Heinrich George und Gustaf Gründgens, der Maler Olaf Gulbransson, der Bariton Hans Hotter, die Dirigenten Wilhelm Furtwängler, Hans Knappertsbusch und Clemens Krauss - sie gehörten alle zu den Auserwählten des Regimes.

«Niemand liebt die deutsche Kunst und insbesondere die deutsche Musik glühender als Adolf Hitler», schrieb Wilhelm Backhaus in einem Aufruf zur Reichstagswahl 1936. Der weltberühmte Pianist, ebenfalls ein «Gottbegnadeter», schaffte es zum Reichskultursenator. Den Ehrentitel trugen unter anderem auch der Komponist Hans Pfitzner und der «Reichsführer SS» Heinrich Himmler.

Viele glühende NS-Anhänger hatten auch nach Kriegsende Erfolg in der Kultur- und Medienwelt. Zum Beispiel Herbert Reinecker. Der jüngst gestorbene «Kommissar»-Drehbuchautor war Chefredakteur der NS-Zeitung »Der Pimpf», Kriegsberichterstatter bei der Waffen-SS und landete mit dem antisowjetischen Theaterstück «Das Dorf bei Odessa» einen der größten Bühnenerfolge der NS-Zeit.

Oder die ostpreußische Dichterin Agnes Miegel. 1934 leistete sie das Treuegelöbnis «88 deutsche Schriftsteller» und unterzeichnete einen Aufruf für Hitler («Wir glauben an diesen Führer»). Zum 100. Geburtstag Miegels 1979 veröffentlichte die Bundespost eine Sonderbriefmarke. Der Filmkomponist Wolfgang Zeller komponierte 1940 die Musik zu «Jud Süß» - und sieben Jahre später zum DDR-Film «Ehe im Schatten».

Klee geht auch dem Schicksal der Verfolgten aus der Kultur nach. Zu ihnen gehört Dora Gerson, erste Frau des Regisseurs Veit Harlan («Jud Süß»), die 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Oder der Wiener Kabarettist Jura Soyfer, der 1939 im Konzentrationslager Buchenwald ums Leben kam. Oder die Geigerin Alma Rosé, Nichte Gustav Mahlers und Leiterin des «Mädchenorchesters» in Auschwitz-Birkenau, die dutzende Frauen rettete doch selbst ermordet wurde.

Im Lexikon verzeichnet Klee nur Menschen bis zum Geburtsjahr 1924. Die NSDAP-Mitgliedschaft in jungen Jahren könne niemandem zum Vorwurf gemacht werden. «Aufmerksamkeit verdient allerdings, wie sie später damit umgegangen sind», schreibt er. Kinderdarsteller wie Hardy Krüger oder den Pimpfenführer Dietmar Schönherr hat Klee ebenso verschont wie die DDR-Regisseurin Ruth Berghaus, die mit 17 Jahren in «die Partei» eintrat. Nicht gelten lässt Klee allerdings die Erklärungen der Germanisten Peter Wapnewski und Walter Jens, sie seien ohne ihr Wissen in die NSDAP-Kartei geraten. Solche Fälle, zitiert Klee aus einem Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, «hat es nicht gegeben».

Esteban Engel, dpa
07.03.2007

 
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Das Buch:

Ernst Klee:
Das Kulturlexikon zum Dritten Reich

Bild: Buchcover Ernst Klee, Das Kulturlexikon zum Dritten Reich

Frankfurt/M.: S. Fischer 2007
715 S., € 29,90
ISBN: 978-3-1003-9326-5

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