Wissenschaften

Ein wichtiges Buch zur Wiederbegrndung einer stabilen Ethik

Es ist eine "seltsame, unserer Zeit eigentümliche Verdrehung", dass die Moral ihren Eigensinn verloren hat und durch Vernunftgründe begründet werden muss. Dabei muss, um es vorwegzunehmen, eine Ethik, die sich nicht Überlegungen und intellektuellem Diskurs aussetzt, sondern feste Grundlage des Handelns ist, unverfügbar sein. Unverfügbar ist freilich nur, was der Mensch sich nicht intellektuell unterwerfen kann, das, was außerhalb seines Begründungshorizontes liegt. Die Gottebenbildlichkeit des Menschen ist das einzige bekannte mögliche Fundament für eine Ethik, die diskursresistent ist, die die Moral als Handlungsrichtlinie qualifiziert und das Individuum befähigt, sich selbst nicht anfechten zu lassen. 

Die Unverfügbarkeit des Menschen und seines Handelns ist mit der absoluten Vernunft nicht zu erreichen. Sie liefert das Individuum den Fährnissen der Welt aus, es sei denn, das Denken und Handeln hat einen anderen als diesen schwankenden Grund. An einem jüngst dokumentierten (nach Erscheinen des vorliegenden Buchs veröffentlichten) extremen Beispiel ist die Bedeutung des Glaubens für die ethische Haltung drastisch deutlich geworden. Die Briefe von Helmut James von Moltke aus der Todeszelle sind ein einzigartiges Zeugnis dafür, dass sich das Individuum trotz der Verfügbarkeit des Henkers über den Körper (aus Sicht des Regimes war das Todesurteil vernünftig) als Person und als geistigseelische Gestalt behaupten kann. 

Das Buch von Werner Theobald räumt mit der unsäglichen Begriffsverwirrung auf, die von Popanzen wie der nebulösen "Menschenwürde" ausgeht, die sich nur selbst begründen kann und deshalb ohne Begründung bleibt*, mit der Flachheit in der Diskussion, die auf die Selbstbemächtigung des Menschen zurückgeht, mit der Ignoranz des modernen Intellekts, der sich seine Welt nach eigenen Begriffen zurechtzimmert. Insofern ist das vorliegende Buch eine wirkliche Monographie, die ihr so bedeutendes, jeden von uns angehendes Thema in den Facetten der Tagespolitik reflektiert. Eine Erdung, die in der akademisch qualifizierten Literatur selten ist - und überzeugt. 

Mit seinen breit ausgefächerten Beispielen aus der politischen Gegenwart (über den islamistischen Terror, Gesetzgebung zur Sterbehilfe, Bioethik etc.) leistet das Buch von Werner Theobald eigentlich sogar mehr, als es verspricht: Es kommt daher als Überblicksdarstellung, also als Leitfaden, der die Begriffe zurechtrückt, aufklärt, orientiert. Wichtig genug. Bei aller wohltuenden Kürze leistet es aber auch einen substantiellen Beitrag zur Grundlegung der Ethik, indem es auf die kulturelle und historische Bedingtheit dessen hinweist, was wir derzeit für vernünftig halten. 

Seit Platon streiten die Intellektuellen, die die Moral als Sache der Vernunft ansehen, darüber, was das Gute als Ziel des ethischen Handelns denn eigentlich sei. Die analytische Angewandte Ethik diversifiziert und theoretisiert über emotionale Betroffenheit, überindividuelle Geltung etc. Aber immer wieder stellt Werner Theobald fest, dass eine Ethik, die Bindung erzeugt und dem Handeln seinen Wert gibt, nicht vom Denken des Subjekts abhängen kann. Er ruft Gott als beinahe vergessene Instanz wieder in Erinnerung, mit der es sich auf der Höhe des wissenschaftlichen Diskurses auseinanderzusetzen gilt. 

Zu bewundern ist die kristallklare Sprache des Buchs, die vom klaren Denken des Verfassers zeugt, und der Mut, die Dinge, die so herrlich unmodern sind, vorbehaltlos beim Namen zu nennen. Ein wichtiges Buch, das in vielen Bereichen zu besserer Orientierung verhilft. 

Dr. Markus von Hänsel-Hohenhausen 
10.03.2011 


* Eins der vielen überzeugenden Beispiele ist das Gesetz der Bundesregierung, das den Abschuss von Passagierflugzeugen zur Abwehr einer Terrorattacke verbietet, weil auch die Passagiere eine Menschenwürde haben und deshalb vom Gesetzgeber zu schützen seien. Der Verfasser des Buchs fragt zurück, wie das denn praktisch vorzustellen sei, und wendet das Gesetz auf 9/11 an: Hätte die amerikanische Regierung, wäre sie gewarnt gewesen, auf den Abschuss und damit die Tötung von 300 Passagieren verzichten sollen, weil diese eine Menschenwürde besitzen? Was ist mit den 3.000 Opfern im World Trade Center und deren Menschenwürde? Sowenig Menschenwürde irgendwie aufgerechnet werden kann, ist dennoch die Logik keine üble Sache: Ob 300 Menschen durch Abschuss oder durch Terroristen ums Leben kommen, macht nur einen einzigen Unterschied: im ersten Fall werden 3.000 Menschenleben gerettet. Nach deutschem Gesetz freilich sind nicht 300 Menschen verloren, sondern 3.300. 
Auf die Irreführung durch modische (aber falsche) Begriffe macht der Autor in grandioser Weise aufmerksam.

www.haensel-hohenhausen.info

 
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Das Buch:

Werner Theobald: Ohne Gott? Glaube und Moral

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Augsburg: Sankt Ulrich Verlag 2008
192 S., 17,90
ISBN: 978-3-86744-042-4

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