Wissenschaften
Sachliteratur, die dem Leser zumindest die Hoffnung auf ein Happy End in der Menschheitsgeschichte schenkt
Schenkt man den Klimaaktivisten von "Die Letzte Generation" Glauben, wird die Welt schon bald mit Pauken und Trompeten untergehen. Und wenn man an die Frühjahrsmonate Mai und Juni 2026 denkt, ist da ein Körnchen Wahrheit dran. Auch scheint die Welt nicht so rosarot, wie manche*r diese gerne hätte, lässt man seinen Blick zum Beispiel zur Ukraine oder in die USA schweifen. Ganz zu schweigen vom desolaten Zustand der Wirtschaft in unserem Land. Dennoch, trotz allem, ist Schwarzseherei in diesen schwierigen Zeiten nicht angesagt. Die Menschheit hat schon immer ihre Kämpfe auszufechten gehabt - und wird diese garantiert auch in den nächsten Jahrhunderten und -tausenden zu haben -, aber das ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. In "Unsere Zukunft wird gut (sehr wahrscheinlich)" wagt Autor Thomas Unnerstall einen optimistischen Ausblick und steckt den Leser positiv an.
Laut Rückentext: "Hat die Geschichte des Menschen eine Richtung, ein Ziel - oder ist sie nur ein ewiges Auf und Ab von Kulturen, Regierungen, Gesellschaftssystemen, Wirtschaftsformen, Meinungen? Ist sie also von Gesetzmäßigkeit oder von Zufall geprägt? Diese Frage bewegt Philosophen und Historiker seit Jahrtausenden. Bis vor kurzem jedoch beruhten die Antworten auf einer sehr lückenhaften, oft auf die jeweils eigene Weltregion beschränkten Kenntnis des geschichtlichen Verlaufs. Erst in den letzten Jahrzehnten ist es der interdisziplinären empirischen Forschung - Archäologie, Anthropologie, Klimatologie, Ökonomie, Biologie u.a. - gelungen, ein recht vollständiges Bild der zivilisatorischen Entwicklung in allen Weltregionen zu zeichnen; und dabei zeigen sich prägnante Muster, einheitliche Trends und insbesondere eine phänomenale Entwicklung aller relevanten Indikatoren seit etwa 200 Jahren."
Im Vorwort seines Sachbuches schreibt Unnerstall, dass seine Sichtweise nicht nur überraschend, sondern geradezu naiv erscheinen könnte; sie sei aber durchaus angebracht, wenn man sich die Menschheitsgeschichte einmal genauer anguckt. Und tatsächlich hat er mit der Wahl seines Buchtitels recht, muss man sich nach der Lektüre der ersten paar Seiten des vorliegenden Buches eingestehen; und das mit ganzem Herzen und voller Überzeugung. "Auch in den letzten 10 Jahren sind Hunderte Millionen Menschen der extremen Armut entronnen, sind die globalen ökonomischen Ungleichheiten deutlich gesunken, die durchschnittliche Lebenserwartung ebenso wie das Bildungsniveau in der Welt weiter gestiegen, wurden große Fortschritte in der Medizin gemacht, bei CO2-armen Technologien, u.v.a. Es gibt also, ... zwischen den zahlreichen negativen Schlagzeilen auch viele positive Entwicklungen ..."
Oder anders: Es gibt noch reichlich Grund für Optimismus. Zu lesen auf rund 350 Buchseiten wird jede "These" gegliedert in "Einführung", "Daten/Informationen zum Thema", "Bewertung", "Antithesen" und "Fazit". Worum geht es bei den einzelnen Thesen eigentlich?
1. Um die Frage, ob es Fortschritt in der Geschichte gibt
Und ja, die gibt es, wenn man sich einmal die letzten 300 Jahre an Kerndaten der Menschheitsgeschichte anguckt: Hunger, Krankheit, Krieg und weitere fundamentale Lebensbedingungen.
2. Um Zufall oder Gesetz? Alte und neue Theorien zum Verlauf der Geschichte, mit Schwerpunkt auf die Geschichtsphilosophie sowie Kant und Hegel
3. Um die Frage, was der Mensch ist und deren Beantwortung
4. Um das Gesetz der Geschichte
5. Um: Wo stehen wir heute als Menschheit?
Erstaunlich an dieser Neuerscheinung ist nicht nur Unnerstalls Sachverstand und fundiertes Wissen, belegt mit über 20 Abbildungen und Tabellen, sondern auch der fesselnde, unterhaltsame Schreibstil des Autors, der einen mehr als nur begeistert, nämlich regelrecht berauscht. Man wird, wie in "Faktencheck Nachhaltigkeit" zuvor, in diese Lektüre hineingezogen, als würde es sich vielmehr um einen spannenden Roman handeln als um ein populärwissenschaftliches Werk voller interessanter, gar aufregender Informationen und grundsoliden, unleugbaren Fakten. Mit dem Nebeneffekt, dass man das Glas plötzlich nicht mehr halbleer, sondern vielmehr noch (fast) voll sieht; zumindest aber halbvoll. Das hat echte Seltenheit auf dem deutschen (Sach-)Literaturmarkt, weshalb sich so mancher Autor davon eine Scheibe abschneiden sollte.
Wissen, das vom ersten bis zum letzten Satz absolut überzeugt - wer noch kein Werk aus Thomas Unnerstalls Feder sein Eigen nennen darf, sollte dies schnellstmöglich nachholen. Auch die Anschaffung von "Unsere Zukunft wird gut (sehr wahrscheinlich)" lohnt sich in jeder Hinsicht. Man bekommt sowohl Analysen als auch Einsichten zur Reise der Menschheit. Und diese ist nicht nur erkenntnisreicher als es eine andere jemals sein könnte, zudem mitreißend und darüber hinaus aufhorchend. Ja, wir stehen vor Herausforderungen, die uns allen einiges abverlangen, die aber durchaus auch zu meistern sind und uns am Ende stärker machen. Mehr an Argumenten braucht es eigentlich nicht, um die nächsten Abende lesend auf der Couch zu verbringen und dabei über das Leben nachzusinnen. Selbst wenn es wirklich nur noch wenige Minuten oder Sekunden vor Zwölf sind, noch haben wir die Chance, was zu verändern.
Für jemandem, der die meiste Zeit des Tages pessimistisch durch die Welt läuft, ist "Unsere Zukunft wird gut (sehr wahrscheinlich)" weitaus mehr als eine abenteuerliche Lektüre voller "Aha!"- und noch mehr "Oho!"-Momente; nämlich ein Buch mit Mehrwert für das eigene Dasein. Thomas Unnerstall bringt den Leser zum Staunen mit offenem Mund. Und das ist so viel mehr, als so manch anderes Sachbuch von sich behaupten kann!
Anja Rosenthal
06.07.2026
