Wissenschaften
Alles anderes als verstaubt und antik
Die Menschen der Antike erklärten sich Naturphänomene und menschliche Verhaltensweisen mit Göttergestalten, die sie erfanden. Die tosenden Wellen im Meer sind der Zorn Poseidons, die gute Ernte ist der Göttin Demeter zu verdanken und der Inbegriff des herrschenden Patriarchen, der niemals treu sein kann, ist Zeus, der König der Götter. Die unzähligen Mythen, die sich um die griechischen und römischen Götter, ihre Nachkommen und die vielen Halbgötter, die sie hervorgebracht haben, ranken, sind bis heute bekannt und gehören zum allgemeinen Kulturgut unserer Gesellschaft.
Doch nicht selten sind Bücher mit den Erzählungen über die antike Götterwelt leicht trocken und wirken etwas verstaubt. Wer sich ein bisschen umschauen will im Cast der antiken Seifenopern, wie man den Kosmos der olympischen Götter, der Musen und Ungeheuer in moderner Sprache auch bezeichnen könnte, hat mit dem neuen Werk der britisch-amerikanischen Altphilologin, Kunsthistorikerin, Archäologin und Autorin Caroline Lawrence die besten Chancen, dies auf äußerst unterhaltsame und kurzweilige Art tun zu können. Lawrence ist vor allem bekannt für ihre Kinder- und Jugendbücher, die in der Antike spielen, doch ihr neuestes Buch ist ein Sachbuch über die griechische Götter- und Mythenwelt.
"Göttinnen und Götter" beginnt natürlich mit der Vorstellung der bekanntesten Götter, nämlich den zwölf olympischen Göttern, unter ihnen Zeus, Hera, Athene, Poseidon, Aphrodite und Hermes. Jedem dieser Götter widmet sie mehrere Seiten lang einen sehr informativen, aber auch sehr einfach zu konsumierenden Steckbrief, u.a. mit den Rubriken "Job-Beschreibung", "Aussehen", "Herkunft", "Wo er zu finden ist" und "Fun Facts". Diese Rubriken lassen schon erkennen, dass Lawrences Götterporträts alles andere als verstaubt und "antik" sind.
Nach den bekannten Zwölf folgen dann in kürzeren Vorstellungen die ursprünglichen Gottheiten wie Chaos und Uranos, Power-Paare wie Amor und Psyche, Helden und Anti-Helden und zuletzt noch Ungeheuer und diverse Mischwesen.
Der Stil der Beschreibungen und Geschichten ist geprägt von Lawrences persönlicher Note, die sie einbringt. So erzählt sie über Aeneas, dass sie ihn toll findet, auch wenn all ihre Freundinnen immer sagen, dass sie ihn nicht mögen, weil er Dido verlassen hat. Oder sie beginnt den Abschnitt über Odysseus mit der großen Ankündigung: "Odysseus ist wie Tofu - entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn." Dem Charme solcher Texte kann man sich kaum entziehen, und die Bilder, die sie bei einem selbst im Kopf erzeugen, bleiben hängen. Eine bessere Art und Weise, sich den teilweise trockenen Stoff über die griechische Götterwelt zu merken, gibt es nicht.
Wer es bisher nicht geschafft hat, sich mit den Göttern und Mythen der Antike auseinanderzusetzen oder sich die vielen Geschichten und die Verwandtschaftsverhältnisse der Götter nicht merken konnte, sollte sich Caroline Lawrences "Göttinnen und Götter" zu Gemüte führen. Wie präsent all die einst erfundenen Charaktere heute noch sind, beweist sie mit ihren vielen Querverweisen in die Moderne, vor allem in die heutige Popkultur. Immer wieder zeigt die Referenzen zu den griechischen Gottheiten von einst auf, die sich in Film, Fernsehen und Musik von heute finden.
Sabine Mahnel
02.03.2026
