Wissenschaften
Die Handlanger des Teufels
Die Geschichtsschreibung zur deutschen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg, erscheint unerschöpflich. Nachdem in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende die Aufklärungsarbeit und die Reflexion zu den Ereignissen und den verantwortlichen Protagonisten nur sehr schleppend vorangetrieben wurde, haben sich in der jüngeren Vergangenheit viele neue Perspektiven auf diese dunklen Kapitel deutscher Geschichte eröffnet. Insbesondere der lange Zeit gemiedene Blick auf die Täter, seien es die bekannten Gesichter aus den Wochenschauen oder von den Anklagebänken in Nürnberg, denen man sehr einfach die Schuld in die Schuhe schieben konnte, oder seien es die einfachen Handlanger, die millionenfach die NS-Maschinerie am Laufen gehalten haben, wurde in den letzten Jahren intensiviert.
Die Geschichtsschreibung wird dabei durch eine globale Perspektive auf ein neues Niveau gehoben, indem vorrangig britische oder US-amerikanische Historiker ohne persönlichen Bezug zu Deutschland und seiner Geschichte sich hier hervortun. Einen großen Bekanntheitsgrad hatte hierbei Daniel Goldhagen vor rund dreißig Jahren erlangt, als er mit seinen Thesen zur Motivation der Deutschen eine kontroverse Debatte anstieß. Dagegen kommt der britische Historiker Richard J. Evans weniger laut, aber dafür mit einer sehr bemerkenswerten wissenschaftlichen Tiefe und Breite daher. An den renommiertesten englischen Universitäten nahm er im Laufe seiner Karriere wichtige Funktionen ein und etablierte sich als einer der gefragtesten Forscher zur deutschen Geschichte. Seine Trilogie zur Geschichte des Dritten Reichs gilt als Standardwerk zu besagter Epoche.
Nun hat Evans mit "Hitlers Komplizen" nachgelegt und blickt dabei in Form von einzelnen Porträts auf Hitlers Handlanger. In seiner Einleitung stellt der Autor sogleich die wegweisenden Fragen, deren Beantwortung ihn für dieses Werk motiviert hat: Wie war es möglich, dass Hitler diese Entwicklung gehen und seinen Kurs umsetzen durfte? Welche Menschen waren ihm dabei behilflich und haben dies mitgetragen? Bevor er sich diesen Komplizen widmet, knöpft sich Evans Adolf Hitler vor und beleuchtet den Werdegang des Tyrannen auf 125 Seiten sehr intensiv. Anschließend schwenkt er mit seinem Blick auf 23 Menschen, die in unterschiedlichen Ausprägungen Hitlers Steigbügel hielten oder sogar seinen Kurs befeuerten und prägten. Dabei ordnet Evans diese Komplizen in drei Oberkapitel ein: "Die Paladine", "Die Vollstrecker" und "Die Werkzeuge" sind dabei die Etiketten, die er seiner Kategorisierung gibt.
Unter den Paladinen sortiert der Autor Göring, Goebbels, Röhm, Himmler, von Ribbentrop, Rosenberg und Speer ein. Als geschichtsinteressierter Leser verschlingt man die Betrachtungen Evans' förmlich, denn er redet Klartext in seiner Charakterisierung und Beurteilung dieser ersten Führungsebene. Dabei nimmt Evans auch eine angemessene Flughöhe ein und zieht Parallelen zu politischen Entwicklungen im Hier und Jetzt. Insbesondere seine Sezierung der Methoden von Joseph Goebbels zeigt, wie heutzutage populistische Staatenlenker - in abgeschwächter Form natürlich - ähnlich agieren und sie Wiederverwendung bestimmter Methoden betreiben. Beachtlich ist, dass Evans Rudolf Heß lediglich als "Vollstrecker" einordnet, dazu gesellen sich von Papen, Ley, Streicher, Heydrich, Eichmann und Frank. Der Autor richtet seinen Fokus auch stets auf die Sozialisierung und die familiäre Herkunft der Männer, die Hitler auf den Thron hoben und ihn immer höher leben ließen.
Im Schlussdrittel verlässt Evans dann die Bühne allseits bekannter Personen des Nationalsozialismus. Abgesehen von Leni Riefenstahl hat der Autor hier nun Menschen ausgewählt und porträtiert, die weniger Bekanntheit erlangt hatten, sondern eher dafür sorgten, dass Hitlers Apparat funktionieren konnte. Als Leser durchläuft man in "Hitlers Komplizen" zigmal die Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre von der Weimarer Republik über die Machtergreifung und den Zweiten Weltkrieg hin bis zu den Anklagebänken von Nürnberg, jedoch stets mit anderen Schwerpunkten, Charakteren und ihren individuellen Wirkungskreisen. Der Autor besticht im vorliegenden Werk durch seine auf den Punkt gebrachten Beurteilungen und präzisen Einordnungen in den Gesamtkomplex des Nationalsozialismus.
Christoph Mahnel
05.01.2026
