Wissenschaften
Vom Zusammenbruch der Bronzezeit
Vor mehr 3.200 Jahren war die zivilisierte Welt des Mittelmeerraums in einer aus heutiger Sicht kaum für möglichen Form globalisiert. Viele Archäologen und Historiker haben in den vergangenen Jahrzehnten ein erstaunliches Bild über die dort ansässigen Völker und ihr untereinander etabliertes Handelsnetzwerk zeichnen können. Natürlich weiß man vom hohen Grad der Zivilisation im Alten Ägypten, von Echnaton, Nofretete und einigen Pharaonen, die den Namen Ramses trugen, sowie ihren Errungenschaften in Landwirtschaft und Baukunst. Doch waren mit Mykenern, Minoern, Hethitern, Assyrern und weiteren Ethnien im östlichen Mittelmeerraum einige Großmächte der damaligen Zeit ansässig. Dokumente und Fundstücke machen deutlich, wie stark vernetzt diese waren und wie weit ihr geschäftiges Miteinander entwickelt war.
Doch begab es sich im frühen 12. Jahrhundert vor Christus, dass diese Kulturen und ihr Netzwerk abrupt zusammenbrachen. Einige Völker wie die Hethiter verschwanden für einige Jahrhunderte weitgehend von der Bildfläche, andere erlitten Rückschläge oder machten Platz für neue Völker. Allerdings ist dieser Zusammenbruch im östlichen Mittelmeerraum bis heute nicht ganz geklärt. Es gibt verschiedene mögliche Ursachen bzw. ein komplexes Zusammenspiel dieser, was von Wissenschaftlern in plausible Hypothesen gepackt wird, um Erklärungsversuche leisten zu können. Darin spielen die sogenannten Seevölker, die über den Mittelmeerraum hereingebrochen waren, eine große Rolle, ebenso Naturkatastrophen und extreme Dürren, die den Menschen massiv zugesetzt haben.
Eric H. Cline ist einer dieser Wissenschaftler, ein amerikanischer Archäologe, der mit seinem Buch "1177 v.Chr. Der erste Untergang der Zivilisation" vor rund zehn Jahren einen großen Erfolg feierte, da sich sein Buch auch außerhalb der engsten wissenschaftlichen Zirkel großer Begeisterung erfreute. Nun ist er, um Zugang zu einer breiteren Masse zu bekommen, sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Zusammen mit der Illustratorin Glynnis Fawkes hat er den Inhalt seines Bestsellers in eine Graphic Novel, also eine anspruchsvolle Form eines Comics, überführt. Darin haben die beiden mit Pel und Schescha zwei junge Menschen aus der damaligen Zeit geschaffen, die den Leser durch die Zeit des Zusammenbruchs und die Jahrhunderte davor führen.
"1177 v.Chr. Eine Graphic Novel" ist ein fantastisches Werk, das mit viel Liebe und Wissen produziert wurde. Es vereint Unmengen von Fakten und wissenschaftlichen Ansätzen mit einer liebevollen Form der Illustration. Gerade bei einem Thema wie dem vorliegenden stechen die grafischen Möglichkeiten, ständig mit Kartenausschnitten den Blick des Lesers auf die Örtlichkeiten des Geschehens zu richten, sehr positiv hervor. Die klare Struktur der Graphic Novel wird von Eric H. Clines Buchvorlage vorgegeben. Mehrere Kapitel leiten den begeisterten Leser Schritt für Schritt durch die Jahrhunderte und zeigen die Entwicklung bis hin zum Super-GAU auf, der von der Geschichtswissenschaft auf das Jahr 1177 v.Chr. datiert wird, sich jedoch über einige Jahre hingezogen haben dürfte.
Freunde von Asterix und Micky Maus seien jedoch vorgewarnt, denn die vorliegende Graphic Novel lässt sich definitiv nicht so einfach konsumieren wie ein marktübliches Comic-Heft. Das Kondensat an Fakten und Wissen, das mit sehr viel Witz und Charme in den Illustrationen von Glynnis Fawkes umgesetzt wurde, will schrittweise aufgenommen werden. Es bietet sich für Leser, die keine Experten für die Bronzezeit sind, sogar an, darüber hinaus an der einen oder anderen Stellen Pausen einzulegen und in alternativen Quellen zu recherchieren. Offensichtlich ist, dass Cline sein Wissen für das vorliegende Werk stark komprimieren und vereinfachen musste. Herausgekommen ist dabei allerdings ein Format, das sich womöglich in der Zukunft zu einer vielversprechenden und alternativen Umsetzungsform weitgehend dröger Abhandlungen entwickeln könnte.
Christoph Mahnel
10.06.2025
