Wissenschaften

Die Banalität hinter dem Grauen

Als Ende Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von den sowjetischen Truppen befreit wurde, bot sich den eintreffenden Soldaten ein Bild des Grauens, das sich im Zuge der sich anschließenden Ermittlungen in ein größtmögliches Horror-Szenario menschlicher Abgründe hineinsteigern sollte. In rund vier Jahren wurde dort über eine Million Menschen ermordet, systematisch und kaltblütig. Hitler und seine Schergen hatten einen Apparat geschaffen, der in beispielloser Verachtung Menschen schnellstmöglich tötete. Doch dieser Apparat war kein abstrakter Gegenstand, sondern wurde angetrieben und befeuert durch Menschen, die Befehle erteilten, Befehle befolgten und somit den Apparat am Laufen hielten. Auschwitz ist Synonym für das denkbar größte menschliche Grauen, das je verübt wurde und daher ein ständiges Mahnmal für die gesamte Menschheit bleiben wird.

Karl-Friedrich Höcker war ein Obersturmführer der SS, der schon früh seinen Weg in der SS eingeschlagen hatte und während des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen Konzentrationslagern seinen Dienst verrichtete. Im Mai 1944 war er nach Auschwitz versetzt worden und als Adjutant des Lagerkommandanten Richard Baer eingesetzt worden. Trotz seines Mitwirkens in den Konzentrationslagern und seines Wissens um die dortigen Vorgänge war Höcker in mehreren Nachkriegsprozessen recht glimpflich davongekommen und hatte lediglich kleinere Haftstrafen zu verbüßen. Höcker starb kurz nach der Jahrtausendwende im 89. Lebensjahr, womit ihm ein langes Leben beschieden war, um das er und seine Mitstreiter Millionen von Menschen gebracht hatten.

Dass der Name Höcker auch heute noch in der Geschichtsforschung relevant ist, hat damit zu tun, dass Karl-Friedrich Höcker während seiner Zeit in Auschwitz viele Fotografien angefertigt hatte, die er in einem Album zusammenfügte. Dieses Album war in den Wirren des Jahres 1945 in Frankfurt am Main gelandet, wo es ein ehemaliger US-amerikanischer Geheimdienstoffizier an sich genommen hatte. Trotz des Wissens um die Bedeutung dieses Albums hatte dieser zeit seines Lebens anonym gebliebene Amerikaner das Album in seinem Privatbesitz gehalten. Erst im Jahre 2006 ließ er es dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. zukommen. Den Wert dieses Zeitdokuments konnten die Verantwortlichen sogleich einschätzen, da die Aufnahmen ungekannte Einblicke in das Lagerleben abseits von Tod und Terror boten.

Das vorliegende im wbg Theiss Verlag erschienene Werk hat die mittlerweile als "Höcker-Album" bekannt gewordene Fotosammlung zum Inhalt. Das Buch als solches ist zweigeteilt, auf den ersten 190 Seiten finden sich verschiedene sich auf die Bilder und deren Bedeutung beziehende Texte und Aufsätze, bis dann auf knapp 150 Seiten die besagten Bilder des Höcker-Albums mit entsprechenden Angaben und Erläuterungen abgebildet werden. Nach den beiden einleitenden Vorworten behandeln in insgesamt acht Aufsätzen Geschichtswissenschaftler aus der ganzen Welt unter anderem das Leben Höckers, das Lager Auschwitz-Birkenau, den dortigen Massenmord, die Rolle der vielen SS-Helferinnen oder auch das Außenkommando Solahütte, das im Fotoalbum eine ganz besondere Rolle spielt.

Den eindrücklichsten Teil des vorliegenden Buches bilden natürlich die Aufnahmen Höckers, die sich weitestgehend auf die zweite Hälfte des Jahres 1944 datieren lassen. Insbesondere der intensiv dokumentierte Ausflug des Lagerpersonals zur Solahütte im Juli 1944 zeigt Menschen ausgiebig und gelassen feiernd, nachdem sie tags zuvor und tags darauf dafür sorgten, dass Abertausende Menschen im Lager ihren Tod fanden. Höckers Bilder zeigen unter anderem seltene Aufnahmen von Josef Mengele, dem KZ-Arzt und Scheusal von Auschwitz. Auch mit Rudolf Höß und Richard Baer sind diejenigen abgelichtet, die an der Spitze der Mordmaschinerie standen.

"Das Höcker-Album - Auschwitz durch die Linse der SS" ist ein gleichermaßen wichtiges und schockierendes Dokument. Vor allem die Alltäglichkeit und die Banalität der Bilder lassen einem kalte Schauer über den Rücken laufen. Mit "Hier gibt es Blaubeeren" hat Höcker beispielsweise eine Bilderserie beschriftet, in Gedanken ergänzt der betroffene Leser "und dort Zyklon B". Die Eindrücke dieses Buches, das im Hier und Jetzt wichtiger denn je ist, machen die Geschehnisse in Auschwitz und andernorts nur noch schmerzlicher und schwerer zu verstehen, da hinter dem Tötungsapparat offensichtlich Menschen standen, die sich in ihrer Freizeit genau so verhielten, wie es die meisten Menschen tun.

Christoph Mahnel 
22.04.2025

 

Das Buch:

Christophe Busch, Stefan Hördler, Robert Jan van Pelt (Hg.): Das Höcker-Album - Auschwitz durch die Linse der SS

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Freiburg im Breisgau: wbg Theiss Verlag 2025 340 S., € 40,00 ISBN: 978-3-534-61050-1

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