Wissenschaften
Die Geschichte des Obersalzbergs
Mit dem Einsetzen des Tourismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Obersalzberg zu einer Wiege des Tourismus im Süden Deutschlands. Im Jahre 1877 eröffnete dort eine erste Pension, in der in den Folgejahren zahlreiche Prominente Erholung vom Leben in der Stadt suchten. Auch andere, vorher ausschließlich für die Landwirtschaft genutzte Höfe sattelten um und sicherten sich ihren Teil vom lukrativen Kuchen des Tourismus. Als Adolf Hitler anno 1923 erstmals den Obersalzberg aufsuchte, konnte freilich noch niemand ahnen, dass er das Schicksal des Obersalzbergs dauerhaft, und insbesondere in den beiden kommenden Jahrzehnten maßgeblich beeinflussen sollte. Zunächst als Gast, dann als Dauermieter auf dem Obersalzberg anwesend, erwarb Hitler schließlich nach seiner Machtübernahme das Landhaus Wachenfeld und ließ es in den Folgejahren zum "Berghof" ausbauen, den er intensiv über einige Jahre sowohl als Feriendomizil wie auch als Arbeitsstätte nutzte.
Mit dem Einzug Hitlers auf dem Obersalzberg war für die ursprünglichen Bewohner nichts mehr wie zuvor. Hitler hatte seinen Adjutanten Bormann damit beauftragt, peu à peu die Liegenschaften auf dem Obersalzberg zu erwerben. Dieser ging dabei keineswegs zimperlich vor und drohte Widerständlern offen, beispielsweise mit der Deportation nach Dachau. Nach kürzester Zeit befand sich der Obersalzberg schließlich komplett in Händen Hitlers und seiner Schergen. Das einstige Idyll war zu einem hermetisch abgeriegelten Führersperrgebiet mutiert. Die anspruchsvollen Bauvorhaben waren größtenteils durch Unterstützung von Fremd- und Zwangsarbeitern realisiert worden. Mit dem Kriegsende war der Obersalzberg verständlicherweise zu einem Hauptangriffsziel der Alliierten auserkoren worden, viele Ruinen standen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Flammen, wobei die reichhaltigen Vorkommen intensiven Plünderungen ausgesetzt waren.
Die Geschichte des Obersalzbergs findet sich heute angemessen im 1999 eröffneten Dokumentationszentrum Obersalzberg dargestellt. Nachdem das Land Bayern in der Nachkriegszeit bis hinein in die achtziger und neunziger Jahre eher stümperhaft mit diesem belasteten Erbe umgegangen war, markierte die Arbeit des Journalisten Ulrich Chaussy einen Wendepunkt für die Aufarbeitung der Vorgänge auf dem Obersalzberg. Erstmals war sein Buch "Nachbar Hitler", das zweifelsohne als das Standardwerk hierzu bezeichnet werden muss, im Jahre 1995 erschienen. Zusammen mit dem Fotografen Christoph Püschner hatte er das reichlich bebilderte Buch nach einigen Jahren der Recherche veröffentlicht. Dieser Tage ist "Nachbar Hitler" nun in der 9. Auflage erschienen und macht die Geschichte des Obersalzbergs greifbar und erlebbar.
Der gemeinhin interessierte Mensch kennt sicherlich die kolorierten Bild- und Filmaufnahmen, auf denen Hitler, Eva Braun oder andere nationalsozialistische Schwergewichte auf der überdimensionierten Terrasse des Berghofs schwadronierten und sich erheiterten, während anderswo in Deutschland Mütter ihre gefallenen Söhne beweinten und Unschuldige in Konzentrationslagern die Gaskammern betraten. Chaussys Buch geht tiefer und weit zurück, bis hin zu den Ursprüngen des Tourismus und der damit eingeleiteten Zeitenwende. Zu Beginn seiner Recherchen war es dem Autor auch noch möglich, Zeitzeugen aufzutreiben, die vor Hitlers Ankunft auf dem Obersalzberg dort ein redliches und friedliches Leben bestritten. Auch konnte er aus erster Hand von den Methoden erfahren, die Bormann und seine willfährigen Helfer anwandten, um die Obersalzberger aus ihrer Heimat zu vertreiben. Diese Quellen stehen nun, dreißig bis vierzig Jahre später, naturgemäß nicht mehr zur Verfügung.
"Nachbar Hitler - Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg" ist ein fesselndes Dokument über einen wunderschönen Flecken Erde, der leider das Pech hatte, von Adolf Hitler entdeckt und geliebt zu werden. In den zahlreichen Geschichten über die Menschen und Unmenschen am Obersalzberg wird der geneigte Leser vielen Charakterzügen des Homo sapiens begegnen: Rechtschaffenheit und Redlichkeit auf der einen Seite, dazu auf der anderen Seite sehr viel Opportunismus, Rassismus, Bösartigkeit, Gewissenlosigkeit und Mutlosigkeit. Auch nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft findet sich mit dem Land Bayern im Zuge der Rückforderungen der ehemaligen Bewohner des Obersalzbergs ein Protagonist, über den man nur den Kopf zu schütteln vermag.
Der Obersalzberg hat im Laufe eines einzigen Jahrhunderts viele Facetten des Menschen hervorgebracht, die von Ulrich Chaussy und Christoph Püschner in dem vorliegenden Werk hervorragend nähergebracht werden.
Christoph Mahnel
16.09.2024
