Wissenschaften

Airbnb im alten Rom

Im ersten nachchristlichen Jahrhundert pulsierte das Leben in Rom. Kaiser Nero herrschte über eine Metropole, die mehr als halb Europa eingenommen und unterjocht hatte. Rom, das sich zum Nabel der bekannten Welt aufgeschwungen hatte, bot ein gewaltiges Kaleidoskop an klugen Köpfen wie skurrilen Gestalten gleichermaßen. Die Menschen in der Stadt schufteten hart, um ihr Auskommen zu sichern, wollten ihr Leben zugleich aber genießen. "Brot und Spiele" lautete die Erfolgsformel für die Imperatoren, um ihre Untertanen zufriedenzustellen sowie ruhig und glücklich zu halten. Es gab wohl keinen illustreren Ort in der Antike als die Stadt am Tiber in ihren frühen Kaiserjahren. Da wäre es doch eine fantastische Idee, mit der Zeitmaschine eine Reise dorthin zu unternehmen und sich unters Volk zu mischen...

Gesagt, getan, dachte sich Karl-Wilhelm Weeber, Jahrgang 1950, als vielbelesener Philologe und Althistoriker. Wer so viel über die Kulturgeschichte des alten Roms weiß wie er, der dürfte problemlos in der Lage sein, seine interessierten Leser mit auf einen Trip ins Herz des Imperium Romanum zu nehmen. Viele Bücher hat der an Schulen und Universitäten tätige Römer-Experte bereits zum Leben im alten Rom veröffentlicht. Mit seinem neuesten Werk versucht er, sich mit einer modernen Form des Reisens in den Alltag der Römer hinein zu katapultieren, und zwar als Couchsurfer. Rückenschmerzen und schlechte Nächte in Kauf nehmend hat sich Weeber in "Couchsurfing im alten Rom" bei Menschen unterschiedlichen Standes einquartiert. Als Gast aus dem in Rom als barbarisch geltenden Germanien startet er seine Erkundungstour bei einem Fischsoßen-Unternehmer, dessen Geschäfte er neugierig hinterfragt.

Neugier ist die alles überragende Triebfeder Weebers, mit der er sich durchfragt und auf diese Weise viele Facetten des römischen Alltagslebens kennenlernt. Der Leser ist begeistert, war er doch selbst beim Übersetzen römischer Klassiker früher im Latein-Unterricht nie näher am wahren Leben in Rom dran als beim vorliegenden Buch. Mit viel Witz und wenig Zeigefinger macht Weeber nachvollziehbar deutlich, dass die Menschen einst und heute gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Ob Rechtschaffenheit, Ellbogenmentalität, Niedertracht oder Herzlichkeit, alles findet sich dort wie hier wieder. Weebers Stippvisite bei einem Wagenlenker zeigt, dass der Sport schon bei den Römern ein nicht minder knallhartes Business war wie heutzutage Champions League und Co. Die Aussicht auf Ruhm und Geld ließ die wagemutigen Männer nichts unversucht im Kampf Mann gegen Mann.

Bei seinen fiktiven Gesprächen mit den Menschen im alten Rom greift Weeber auf sein immenses Wissen und viele fundierte Quellen zurück. So finden sich im Anhang zu jedem Kapitel Referenzen auf entsprechende Literatur, die zumindest einen gesicherten Hintergrund für die jeweiligen Gespräche zeichnen. Nach dem Beginn seiner Reise in Rom wagt er sich ins Hinterland und trifft bei einem längeren Aufenthalt auf dem Land interessante Gesprächspartner wie einen Gutsverwalter und dessen Frau oder einen Kleinbauern, der tagtäglich um seine Existenz fürchten und somit Hunger für sich und seine Familie befürchten muss. Schließlich kehrt Weeber wieder in die Metropole zurück, um mit Ärzten, Tänzerinnern, Prostituierten oder Bestattern nochmals einen Querschnitt durch die Bevölkerung zu ziehen. Für den Schluss hält Weeber ein ganz besonderes Schmankerl bereit, indem er auf Seneca trifft, den weisen Philosophen und Schriftsteller sowie Erzieher Neros. Ihn befragt er zu Themen aus der Gegenwart des 21. Jahrhunderts, unter anderem zu Wutbürgern, Hetzern und Nachhaltigkeit.

"Couchsurfing im alten Rom" ist ein wirklich geistreiches Büchlein, das dem Leser einen hervorragenden Einblick in das römische Alltagsleben vor zweitausend Jahren bietet und einen häufig schmunzeln lässt, sei es ob so mancher kuriosen Begebenheit bei den interessanten Begegnungen oder sei es ob des klugen Witzes des Autors. Weeber lässt einen teilhaben an seiner breiten Expertise über die römische Kulturgeschichte, so dass man gerne noch länger mit ihm durchs alte Rom gereist wäre. Der Kniff des "Couchsurfings" darf als gelungen bezeichnet werden, gelangt man durch das Überschreiten der heimischen Türschwelle doch in die Intimsphäre der Menschen und erfährt somit noch mehr aus deren Leben. Klüger und gut unterhalten legt man am Ende dieses Buch zur Seite, nachdem man währenddessen viel Kopfkino genossen hat und die eigene Phantasie in so mancher antiken Szenerie die Überhand gewonnen hat.

Christoph Mahnel 
30.05.2022

 
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Das Buch:

Karl-Wilhelm Weeber: Couchsurfing im alten Rom. Zu Besuch bei Wagenlenkern, Philosophen, Tnzerinnen u.v.a.

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Darmstadt. wbg Theiss 2022 232 S., 22,00 ISBN: 978-3-8062-4418-2

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