Wissenschaften

Antike Metropolen wieder auferstanden

Als historisch interessierter Tourist fragt man sich in so geschichtsträchtigen Städten wie Rom, Athen oder Pompeji nicht ohne Grund, wie denn die jeweiligen Städte, die heute häufig nur noch Ruinen zu bieten haben, einmal ausgesehen haben. Bilder des Ist-Zustandes im 21. Jahrhundert gibt es zuhauf, doch wie sah die Akropolis vor 2000 Jahren aus oder was sahen Römer und Griechen, wenn sie das Orakel von Delphi besuchten? Der französische Architekt und Archäologe Jean-Claude Golvin gibt Antworten auf diese Fragen. 80 bekannte Städte der antiken Welt hat er in Aquarell gezeichnet und mit den nötigen Informationen in Text- und Legendenform versehen.

Im digitalen Zeitalter ist man daran gewöhnt, solche Rekonstruktionen, wie Golvin sie liefert, als computerbasierte Animation oder Zeichnung zu sehen. Doch Golvin geht bewusst einen anderen Weg und tauscht die Maus gegen Stift und Pinsel. Seine Aquarellzeichnungen sind stets aus der Vogelperspektive und geben einen Überblick über die jeweilige Stadt, lassen aber natürlich auch immer Raum für Interpretationen. Golvins Rekonstruktionen basieren zwar auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen, doch ist bei weitem nicht jede Stadt bis ins kleinste Detail erforscht. Dieses Ziel verfolgt Golvin auch gar nicht. Es geht ihm vielmehr um das große Ganze, auch wenn er natürlich sehr detailreich zeichnet.

"Metropolen der Antike" ist nach Regionen geordnet - von Vorderen Orient über Nordafrika bis ins heutige Europa, wobei die nördlichste Stadt Köln, die südlichste Edfu in Ägypten, die westlichste Condeixa Velha in Portugal und die östlichste Persepolis im Iran ist. Den einzelnen Städten wird entsprechend ihrer Größe und Bedeutung unterschiedlich viel Raum in diesem Band eingeräumt, mal ist es nur eine Seite bzw. eine Doppelseite, mal sind es zwölf Seiten, wie - verständlicherweise - im Fall von Rom.

Die eigentliche Zeichnung der Stadt wird von einem erklärenden Text begleitet, der einen kurzen Überblick über die Geschichte der Stadt gibt. Eine kleinere Version der Zeichnung ist mit Ziffern versehen, die in einem großen Legende-Part Aufschluss über die wichtigsten Gebäude und Plätze der Stadt geben. Mitunter kann man hier auch lesen, welche Gebäudereste heute noch in den jeweiligen Städten zu sehen sind.

Jean-Claude Golvin lässt mit seinen meisterhaften Zeichnungen etwas vor unseren Augen wieder auferstehen, was leider für immer verschwunden ist und wovon uns nur Ruinen geblieben sind; Ruinen und Steinhaufen, die kaum ausreichen, um das Ausmaß der häufig äußerst prunkvollen Tempel, Burgen und Foren zu erfassen. Dem fachkundigen Archäologen und talentierten Zeichner ist es zu verdanken, dass man sich als Tourist fortan ein viel besseres Bild von den geschichtsträchtigen Städten mit all ihren Denkmälern, den Stadtmauern und den Theatern machen kann.

Da diese antiken Metropolen standesgemäß in einem mächtigen Bildband wieder auferstanden sind, empfiehlt sich die Lektüre vor bzw. nach der Reise bequem im heimischen Wohnzimmer - die perfekte Vor- bzw. Nachbereitung eines Städtetrips. Wer das Sofa erst gar nicht verlassen will, kann sich mit "Metropolen der Antike" auch wunderbar auf eine imaginäre Reise in vergangene Zeiten und an ferne Orte begeben.

Sabine Mahnel 
03.06.2019

 
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Das Buch:

Jean-Claude Golvin: Metropolen der Antike. Aus dem Franzsischen von Genievive Lscher und Birgit Lamerz-Bechschfer

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Darmstadt: Verlag Philipp von Zabern 2019 240 S., 48,00 ISBN: 978-3-8053-5184-3

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