Hrbcher

Hinter fremden Tren

Der Journalist Michael Turner hat einen gewaltigen Schicksalsschlag zu verarbeiten. Seine geliebte Frau Caroline, ihres Zeichens Kriegsreporterin, ist bei einem Einsatz in Pakistan ums Leben gekommen. Michael sucht daraufhin räumliche Veränderung, die ihn nach Hampstead Heath in den Norden Londons bringt. Dort erhofft er sich, ein neues Leben ohne die ständigen Erinnerungen an Caroline beginnen zu können. Michael lernt in seiner Nachbarschaft sogleich eine Familie, die Nelsons, kennen, zu denen er eine rasche und innige Beziehung aufbaut. Er wird gleichsam ein Teil von ihnen und geht im Hause der Nelsons beständig ein und aus. Eines Tages jedoch will er sich dort einen Schraubenzieher, den er verliehen hatte, zurückholen. Michael trifft im Haus niemanden an, was ihn jedoch nicht dazu anhält umzukehren. In diesem Moment geschieht etwas, was sowohl Michaels Leben als auch seine Beziehung zu den Nelsons schlagartig und unwiderruflich verändern wird.

"I Saw a Man", nicht nur das englische Original, sondern auch die deutsche Übersetzung des neuesten Buchs von Owen Sheers trägt diesen Titel. Die Vita des Walisers Sheers hält für einen Schreiberling einige interessante Details bereit. Anno 1974 wurde er auf den Fidschi-Inseln geboren, bevor er in Wales aufwuchs und sich in den vergangenen Jahren dort sowie im gesamten Königreich einen Namen als Autor und TV-Moderator machte. Doch Sheers beschränkt sich keineswegs auf intellektuelles Arbeiten, seinem Hobby Rugby frönte er bis zu einer Schulterverletzung, doch dass ihn der walisische Rugby-Verband als Haus-und Hofdichter der Nationalmannschaft einstellte, diese Verbindung zwischen Sport und Kunst sucht tatsächlich ihresgleichen. Seit knapp zehn Jahren schon ist Sheers als Autor erfolgreich, mit "I Saw a Man" feiert er eine Premiere auf dem deutschsprachigen Büchermarkt.

Sheers hat sein neuestes Werk auf verschiedene zeitliche und inhaltliche Ebenen verteilt. Als Hauptstrang fungiert Michael Turners neues Leben in Hampstead Heath, während in zahlreichen Rückblenden sein Leben vor der schrecklichen Zäsur geschildert wird, die gemeinsamen Jahre mit seiner Frau und das berufliche Vorankommen der beiden. Auch Michaels Schmerz danach wird thematisiert, und dabei insbesondere die Umstände des Todes seiner Frau. Der Autor schweift im Zuge dessen ab und schießt sich auf die Drohnen-Politik der USA ein, stellt dem Aspekt der Sicherheit im Kampf gegen Terroristen den potentiellen und tatsächlichen Missbrauch gegenüber. Mit diesen verschiedenen Ebenen spielt Sheers maximal beliebig herum und lässt Leser und Hörer bis in die zweite Hälfte hinein trotz vieler Anläufe im Ungewissen darüber, welche Beobachtung denn an besagtem Tag im Haus der Nelsons Michaels Leben durcheinander brachte.

Das vorliegende Hörbuch aus dem Hörverlag versucht mit Devid Striesow als Sprecher ein erfolgversprechendes Konzept fortzuführen, nämlich dasjenige, Tatort-Kommissare als Hörbuch-Sprecher zu gewinnen. Denkt man beispielsweise an einen Axel Milberg oder einen Dietmar Bär, dann war diese Taktik auch in vielen Fällen unzweifelhaft ein Volltreffer. Doch leider geht der Plan hier mit Devid Striesow, übrigens beim Tatort als Kommissar Stellbrink in Saarbrücken aktiv, nicht vollends auf. Die Stimme des beliebten Schauspielers kommt im Verlauf des Hörbuchs wenig voll und tragend daher, so dass man leider nicht derart fasziniert in den Bann gezogen wird, wie es bei vorgenannten Schauspiel-Kollegen der Fall ist. Außerdem muss sich der herausgebende Verlag die Frage gefallen lassen, warum er für das Hörbuch eine mp3-CD als Medium gewählt und trotzdem nur eine gekürzte Fassung produziert hat, die mit siebeneinhalb Stunden ziemlich kompakt ausfällt, und mit dieser Laufzeit in denjenigen Regionen beheimatet ist, auf die auch die Standard-Ausgabe eines 6 CDs umfassenden Hörbuchs kommt.

Inhaltlich hat man nach Studium des Klappentexts die Erwartungshaltung, einen Psychothriller in Händen zu halten, doch entpuppt sich "I Saw a Man" nicht unbedingt als solcher. Sheers thematisiert die Schuld von Menschen und deren Umgang damit; geschickt verknüpft er die Schuld der einzelnen männlichen Darsteller miteinander. Dabei herausgekommen ist ein Roman über die Trauerbewältigung eines Mannes, der nur schwer über den Tod seiner geliebten Frau hinwegkommt und den ein singuläres Erlebnis einer unbedachten Entscheidung dazu zwingt, mit einer Lüge zu leben, und der sich fortan in Situationen anders verhalten und eine Geschichte um jenes Ereignis herumspinnen muss. Gespannt darf man darauf sein, wie die Elemente von "I Saw a Man", für den die Filmrechte bereits verkauft wurde, in der zukünftigen Verfilmung verarbeitet werden.

Christoph Mahnel
14.06.2016

 
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Das Buch:

Owen Sheers: I Saw a Man

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Sprecher: Devid Striesow
Mnchen: Der Hrverlag 2016
Spieldauer: 1 mp3-CD, 450 Min., 19,99
ISBN: 978-3-844-52120-7

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