Hrbcher

Das Heldenmdchen von den Drei Zinnen

Viktoria Savs alias Viktor Savs lieferte eine der vielen Randgeschichten rund um den Ersten Weltkrieg, die zum Staunen gleich wie zum Kopfschütteln verleiten. Es gelang ihr nämlich einst mit viel Mut und Geschick, die Musterungskommission sowie sämtliche Kameraden und Vorgesetzten zu täuschen. Bei der Rekrutierung von Freiwilligen für den Landsturm gab sich das sechzehnjährige Mädel im Juni 1915 als Junge aus und wurde für die Verteidigung in den Hochebenen an der Dolomitenfront eingesetzt. Dort erlangte sie dank ihrer Tapferkeit und ihres vorbildlichen Einsatzes zumindest lokale Berühmtheit und wurde dafür anschließend mit zahlreichen Medaillen und Orden dekoriert.

Der österreichische Journalist und Autor David Pfeifer war sogleich Feuer und Flamme, als er vor einigen Jahren in seinem persönlichen Umfeld erstmals auf Viktoria Savs‘ atemberaubende Geschichte aufmerksam wurde. Seine eigene Freundin stammt nämlich aus Sexten, dem Ort zuunterst der einstigen Frontlinie. Als erfahrenen Schreiberling packte ihn die Geschichte um das Mädchen, das sich als Junge ausgab, natürlich sofort und ließ ihn nicht mehr los. Unklar blieb zunächst jedoch die Verarbeitungsform dieser Geschichte. Naheliegend wäre sicherlich ein Sachbuch über Viktoria Savs gewesen, doch sind hundert Jahre eine lange Zeit, wenn die Faktenlage über die betreffende Person unzureichend und darüber hinaus recht uneinheitlich ist. So entschloss sich der ehemalige Tempo-Redakteur für einen Roman über das Heldenmädchen von den Drei Zinnen, in dem er zwar die bekannten und belegten Hintergründe und Eckdaten zu Viktoria Savs berücksichtigte, jedoch völlig frei in der Schaffung der Charaktere für sein Buch war.

"Die rote Wand" lautet der Titel von Pfeifers Roman und ist der knapp 3.000 Meter hohen Sextener Rotwand entlehnt, die zusammen mit ihren Nachbargipfeln als Schauplatz der vorliegenden Handlung dient. Um gebührenden Abstand zur historischen Person der Viktoria Savs zu wahren, verwendet Pfeifer deren Namen zu keinem Zeitpunkt. Er spricht stets von "dem Mädchen" oder von "Richard", als den sie sich bei der Rekrutierung ausgegeben hatte. Pfeifer hat sich für seinen Roman auch keine stringente Berichterstattung über die Ereignisse und Kampfhandlungen, in die Viktoria Savs involviert war, vorgenommen. Stattdessen hat er einen Roman geschrieben, der primär Zeugnis davon gibt, wie zermürbend der Krieg und die Fortdauer von Kriegshandlungen auf die darin verwickelten Menschen wirkt.

Während die Protagonistin zu Beginn von "Die rote Wand" noch viel Mitgefühl sowohl für ihre Kameraden als auch für die feindlichen Soldaten hegt, verrohen peu à peu diese menschlichen Züge, bis sie zu dem Wesen wird, das erfolgreich einen Krieg überstehen kann. Mit diesem Fokus hat David Pfeifer auch weitgehend auf eine übergreifende Schilderung der Kriegshandlungen verzichtet, lediglich an einigen wenigen Stellen gibt er einer Rahmenhandlung Raum, die einem die Situation bezüglich der Gemengelage von Österreichern, Italienern und Südtirolern vor Augen führt. Für weiterführende Informationen gibt es die kostenlose App "Die rote Wand", die mit tollen Features und Hintergründen aufwartet, unter anderem kann man sich mit Hilfe einer 3D-Karte perfekt durch die Topographie der Dolomitenfront navigieren.

Die vorliegende Hörbuchausgabe trägt die ungekürzte Fassung des zeitgleich erschienenen Buches in sich. Auf sechs CDs und knapp acht Stunden lang liest Philipp Schepmann gekonnt und unaufgeregt "Die rote Wand". Die Ohren so mancher Eltern werden sich über diese Besetzung wundern, denn für gewöhnlich gibt Schepmann die Geschichte des kleinen Drachen Kokosnuss zum Besten. Doch Schepmann beweist über seine exzellente stimmliche Leistung hinaus sein sensibles Gespür für die Geschichte und hält sich höchst angemessen im Hintergrund einer Geschichte, die sprachlos macht und dank David Pfeifer einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurde. Im Wust der aktuellen Erscheinungen zur hundertsten Jährung des Ersten Weltkriegs ist "Die rote Wand" eine stille, aber zugleich imposante Darstellung des Wahnsinns, der das alte Europa an den Abgrund beförderte.

Christoph Mahnel
31.08.2015

 
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Das Buch:

David Pfeifer: Die rote Wand

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Sprecher: Philipp Schepmann
Mnchen: Random House Audio 2015
Spielzeit: 475 Min., 19,99
ISBN: 978-3-837-13189-5

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