Hrbcher

Nach dem Krieg wirds auch nicht besser

Der Erste Weltkrieg liegt im Herbst 1918 in den letzten Zügen. Das von allen herbeigesehnte Ende scheint nur eine Frage von wenigen Tagen zu sein. Dennoch gibt es ehrgeizige Militärs, die sich in diesen letzten Tagen noch mit ehrenhaften Taten brüsten und in Stellung für das Leben danach bringen wollen. So geht auch der französische Leutnant Pradelle buchstäblich über Leichen, indem er seine Soldaten für den letztlich völlig belanglosen Gewinn von ein paar Metern Land in den sicheren Tod schickt. Einer von ihnen, Albert, stürzt dabei in einen Trichter, der über ihm zusammenbricht. Alberts letztes Stündlein scheint geschlagen, wäre da nicht sein Kamerad Édouard, der ihn aus dieser misslichen Lage befreit, aber selbst dabei schwer verwundet wird, als ihm ein Geschoss das halbe Gesicht zerfetzt und ihn für sein Leben entstellt.

Zurück in der scheinbaren Normalität des Friedens gehen die drei Protagonisten, Pradelle, Albert und Édouard, ganz unterschiedlich mit dem beginnenden Rest ihres Lebens um. Pradelle heiratet sich in eine wohlhabende Dynastie ein und sichert sich dank seiner guten Beziehungen einen höchst lukrativen Auftrag, der ihn Kriegsfriedhöfe in ganz Frankreich bauen lässt. Dabei ignoriert er jedoch in vielfältiger Weise die Pietät der Toten, nur um seinen Gewinn bis zum Äußersten zu maximieren. Albert fühlt sich für seinen zur Unkenntlichkeit entstellten Kameraden Édouard verantwortlich, verschafft ihm, da dieser sich nicht zu seiner Familie zurücktraut, eine neue Identität, und pflegt ihn in der gemeinsamen Männer-WG. Finanziell am Rande des Existenzminimums beginnen die beiden eine Scheinfirma aufzubauen, die angeblich Kriegsandenken produziert, von vielen französischen Städten und Gemeinden jedoch nur die obligatorische Vorkasse einstreicht.

Der französische Schriftsteller Pierre Lemaitre hat sich in seiner Vergangenheit bevorzugt mit Krimis einen Namen gemacht. Mit seinem neuesten Werk "Wir sehen uns dort oben" betritt er schriftstellerisches Neuland und liefert damit sogleich ein wahres Meisterstück ab. In der Heimat ist Lemaitre für diesen Roman mit höchsten Weihen versehen worden. Er strich im vergangenen Jahr dafür den "Prix Goncourt" ein, den bedeutendsten französischen Literaturpreis, der für das beste erzählerische Werk des Jahres vergeben wird. Der seit 1903 vergebene Preis kennt eine Reihe bedeutender französischer Schriftsteller unter den Preisträgern, wie beispielsweise Marcel Proust, Simone de Beauvoir oder aus jüngerer Vergangenheit Jonathan Littell, dessen Roman "Die Wohlgesinnten" anno 2006 mit dem "Prix Goncourt" gekürt wurde.

Diese nationalen Lorbeeren sind definitiv Grund genug dafür, diesen Roman auch international und gerade auf dem deutschen Markt zu verlegen. Schließlich hat "Wir sehen uns dort oben" seine Verankerung in dem sinnlosesten Sterben aller Zeiten, das ohne Zweifel den Tiefpunkt der deutsch-französischen Beziehungen markierte. Lemaitre hat akribisch recherchiert, um eine Epoche und ihren Zeitgeist zum Leben zu erwecken, obgleich er selbst als Jahrgang 1951 die Vorgänge nur vom Hörensagen kennt. In Remarques "Im Westen nichts Neues" hat man über die Sinnlosigkeit dieses Krieges berichtet bekommen, von Lemaitre erfährt man über die Unmöglichkeit der Kriegsüberlebenden, sich im Alltag des Friedens wieder eingliedern zu können. Viel zu arg haben der Krieg und sein Morden den Soldaten abgestumpft, als dass sich in diesem wieder ein funktionierendes Wertesystem einpendeln könnte. Dies gilt gleichermaßen für den korrupten Geschäftsmann Pradelle wie auch für die beiden Kleinganoven Albert und Édouard.

Die vorliegende Hörbuchausgabe umfasst als ungekürzte Lesung zwei mp3-CDs mit über 17 Stunden Laufzeit. Mit Markus Hoffmann konnte ein renommierter Sprecher gewonnen werden, den die Ohren des Hörers im Laufe der Zeit lieb gewinnen. Gekonnt transportiert er die melancholische Atmosphäre, die insbesondere das Leben von Albert und Édouard ausmacht, und lässt den Hörer teilhaben an der Schwere des Weiterlebens nach Kriegsende. Man kennt hierzulande aus "Das Wunder von Bern" die Probleme der Resozialisierung, die deutsche Kriegsgefangene nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfahren mussten, oder aus "Geboren am 4. Juli" die Tragödie der amerikanischen Vietnam-Veteranen. Pierre Lemaitre hat mit "Wir sehen uns dort oben" den überlebenden französischen Soldaten des Ersten Weltkriegs ein Gesicht gegeben und dem Krieg wegen seiner in jeder Hinsicht völlig unabsehbaren Folgen eine unmissverständliche Absage erteilt.

Christoph Mahnel
15.12.2014

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Sprecher: Markus Hoffmann
Berlin: DAV 2014
Spielzeit: 1100 Min, 24,99
ISBN: 978-3-862-31411-9

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.