Hrbcher

Der Taunus-Sniper geht um

Kurz vor Weihnachten bedeckt ein weißer Teppich die wunderschöne Mittelgebirgslandschaft des Taunus und sorgt für ein eigentlich perfektes Adventsambiente. Doch es will sich so recht keine besinnliche Weihnachtsstimmung am Fuße des Großen Feldbergs vor den Toren Frankfurts einstellen. Schuld daran ist ein Sniper, der scheinbar wahllos unbescholtene Bürger ermordet. Erst exekutiert er eine ältere Frau beim Hundespaziergang, dann wird in Oberursel eine Frau zu Hause in ihrer Küche durch einen gezielten Schuss zur Strecke gebracht. Es folgen noch der Sohn eines Pharmariesen direkt vor dem väterlichen Haus und eine junge Ehefrau auf einem Supermarkt-Parkplatz in Eschborn. Das Hofheimer Kriminaldezernat K11 steht vor einem Rätsel, die Bevölkerung ist in Panik und traut sich kaum noch vor die Tür.

Unglücklicherweise hat Kommissar Oliver von Bodenstein gerade einen erheblichen Personalnotstand zu beklagen. Einige Kollegen sind erkrankt oder auf dem Sprung in den verdienten Weihnachtsurlaub. So hat auch Pia Kirchhoff zusammen mit ihrem frisch und heimlich angetrauten Ehemann bereits eine mehrwöchige Reise auf einem Kreuzfahrtschiff gebucht. Doch notgedrungen muss die Kommissarin ihre Pläne begraben, da der Sniper-Fall in der Öffentlichkeit hohe Wellen schlägt und die besten Kräfte zu dessen Aufklärung benötigt werden. Nach und nach bekommt die Polizei anonyme Todesanzeigen zugespielt, in denen ein selbsternannter Richter die Begründungen für die jeweiligen Morde liefert. Dabei scheinen in allen Fällen gezielt Unschuldige ausgewählt worden zu sein, die für die Verfehlung eines nahestehenden Menschen gerichtet wurden.

Nele Neuhaus darf zweifelsohne als die momentan erfolgreichste deutsche Lokalkrimiautorin bezeichnet werden. Mit ihren Taunus-Krimis hat sie eine selbst auf diesem prosperierenden Segment einzigartige Erfolgsstory geschrieben. Die Fälle um die Kommissare Bodenstein und Kirchhoff gehen mit dem vorliegenden neuesten Werk "Die Lebenden und die Toten" bereits in die siebte Runde. Begonnen hatte Nele Neuhaus einst im Selbstverlag und ihre Bücher in lokalen Metzgereien zum Verkauf feilgeboten. Nun reißen sich die großen Verlage um ihre Veröffentlichungen, zeitgleich werden Hörbücher produziert und die ersten vier Fälle sind sogar schon verfilmt worden. Die Erwartungshaltung bei einem Krimi aus der Feder der Erfolgsautorin ist somit hoch, dementsprechend auch die Maßstäbe, mit denen sie gemessen wird.

Für ihren neuesten Fall hat sich Nele Neuhaus des Themas "Organspende" und dessen kriminellen Potentials hinsichtlich des lukrativen Handels mit menschlichen Ersatzteilen bedient. Denn rasch steht nach den ersten vier Morden fest, dass ein über zehn Jahre zurückliegender Fall das verbindende Element zwischen den vier Getöteten bildet. Damals war eine junge Frau nach einem plötzlichen Zusammenbruch für hirntot erklärt worden, sehr pietätlos waren die Angehörigen vom behandelnden Krankenhaus zu einer blitzschnellen Organspende gedrängt worden. In diesem undurchsichtigen Dickicht medizinischer und juristischer Winkelzüge gibt es einige Menschen, die den Zorn der Familie und der Angehörigen auf sich gezogen hatten. Handelt es sich bei den Sniper-Morden etwa um einen Rachefeldzug gegenüber denjenigen, die die junge Frau einst rücksichtlos ausgeschlachtet hatten?

Die Spannungskurve von "Die Lebenden und die Toten" folgt beileibe keiner streng monotonen Funktion. Sehr schnell steigt zu Beginn die Spannung an und oszilliert bereits nach etwa einem Drittel auf einem festen Niveau. Da ist nämlich der Kreis der möglichen Täter schon fest umrissen. In den letzten zwei Dritteln rotieren die Kommissare und ihr Team teilweise ziemlich hilflos in einem Umfeld des Schweigens umher. Die Familie der unfreiwilligen Organspenderin hat den Schicksalsschlag offensichtlich bis zum heutigen Tage nicht verarbeitet. Während Ehemann und Sohn dringend tatverdächtig erscheinen, hat sich vor kurzem die Tochter vor eine S-Bahn geworfen, was wiederum ein Motiv für deren Verlobten liefert. Der kundige Leser ist allerdings beständig auf der Lauer, traut der Autorin nicht über den Weg und fragt sich, ob nicht am Ende doch noch ein ganz anderer Verdächtiger aus dem Hut gezaubert wird.

Das vorliegende Hörbuch erstreckt sich über mehr als zehn Stunden, in denen mit Julia Nachtmann die altbekannte Sprecherin der Taunus-Krimis am Mikrofon sitzt. Acht CDs lang zieht sie den Hörer in ihren Bann und lässt ihn hinsichtlich des stärksten Tätermotivs rätseln. "Die Lebenden und die Toten" eignet sich auch für Neueinsteiger in die Serie, obgleich die Autorin am Ende ihrer Karriere diesen Fall womöglich nicht als ihre leuchtendste Sternstunde deklarieren wird. Nele Neuhaus wird sich sicherlich für ihren leichtfertigen Umgang mit dem brisanten Thema "Organspende" den Vorwurf machen lassen müssen, dass sie eine für viele Menschen überlebenswichtige Sache ziemlich einseitig als ein kriminelles Betätigungsfeld darstellt. Wer diese fiktive Geschichte allerdings konsequent als eine solche, nämlich als eine erfundene Erzählung einzuordnen vermag, der hat Spaß an einem wie immer rasanten und verzwickten Kriminalfall im Vordertaunus.

Christoph Mahnel
24.11.2014

 
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Das Buch:

Nele Neuhaus: Die Lebenden und die Toten

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Sprecher: Julia Nachtmann
Hamburg: Hrbuch Hamburg 2014
Spielzeit: Minuten, 17,99
ISBN 978-3-899-03848-4

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