Hrbcher

Das Monster Krieg

Arnold Steins lebte ein unaufgeregtes und gutbürgerliches Leben. Zusammen mit seiner Frau Karen und Sohn Chris bewohnte das Lehrerehepaar ein Haus in einer Siedlung in Königstein im Taunus. Ein Hund komplettierte das Idyll der Familie. Was musste passieren, damit Arnold Steins sein bisheriges Leben komplett hinter sich ließ und sich zusammen mit dem Hund in eine einsame Hütte in die Berge zurückzog? In der dortigen Abgeschiedenheit bestreitet er sein neues Leben auf Sparflamme, was die eigenen Ansprüche sowie den gesellschaftlichen Umgang betrifft. Doch es mehren sich die Zeichen, dass es einen Nachbarn gibt, dem Arnold Steins´ Dasein in den Bergen nicht gefällt. Er dringt in Arnolds Leben ein, wütet in der Hütte, zerstört mit dem Radio dessen primären Kontakt zur Außenwelt und fügt dem Hund mit einem Bolzen eine lebensgefährliche Verletzung zu.

"Krieg" aus der Feder von Jochen Rausch ist ein ziemlich ungewöhnliches Stück Literatur. Es kommt mit einer sehr hohen Intensität daher, die der Autor mit kurzen und einfachen Sätzen erzeugt. Jochen Rausch ist bis dato in der Literaturszene trotz zweier Veröffentlichungen nicht unbedingt nachhaltig in Erscheinung getreten. Doch mit "Krieg" ist dem Programmchef des Radiosenders 1LIVE dieser Schritt zweifellos gelungen. Die Vollständigkeit der vorliegenden Lesung erscheint einem nach erfolgtem Hören unausweichlich gewesen zu sein, da sich ob der dichten Intensität des Stückes kaum Passagen ausmachen lassen, die einer Kürzung für die Audiofassung zum Opfer hätten fallen können. Natürlich befördert die Überschaubarkeit der gedruckten Vorlage mit lediglich etwas mehr als 200 Seiten ebenfalls die schlanke Umsetzung einer ungekürzten Lesung.

Den Hörer beschäftigen sogleich nach dem Einlegen der ersten CD viele Fragen: Was hat Arnold Steins veranlasst, seine bisherige Existenz aufzugeben, um sich als Eremit in eine Berghütte zu begeben? Was geschah mit seinem Sohn Chris und seiner Frau Karen? Hat Arnold sie zurückgelassen oder haben sie Arnold zurückgelassen? Wer ist der hinterhältige Eindringling, der Arnolds Hütte aufsucht und ihn leise terrorisiert? Schrittweise gibt der Autor Umstände preis, wie beispielsweise Chris´ Entschluss, als Soldat im Afghanistan-Krieg zu dienen, die den Hörer bereits früh erahnen lassen, welchen Lauf die Geschichte Arnold Steins´ genommen haben könnte.

Jochen Rausch kreiert sehr subtil beim Hörer eine gewisse Furcht vor dem Fortgang der Geschehnisse aus der Vergangenheit von Arnold Steins, so dass man die erwarteten und befürchteten Schreckensmomente immer weiter hinauszögern möchte. Doch macht das Unausweichliche niemals Halt und wird garantiert eintreten.

Die Lesung über gut sechs Stunden hat mit Ulrich Noethen eine wunderbare Besetzung erfahren. Der bekannte Schauspieler war als Hörbuchsprecher in den letzten Jahren vor allem durch seine hervorragenden Lesungen einiger neu aufgelegter Romane von Hans Fallada in Erscheinung getreten. Ulrich Noethen liest "Krieg" sehr gefühlvoll und nimmt den Hörer mit seiner wandlungsfähigen Stimme bei der Orientierung durch die verschiedenen zeitlichen Erzählebenen des Romans an die Hand.

Jochen Rausch hat mit seinem neuesten Werk klar Stellung zum Thema "Krieg" bezogen, ohne es explizit auszusprechen. Er führt einem die vielfältigen Schmerzen vor Augen, die Kriege hervorrufen. Ähnlich wie einst "Im Westen nichts Neues" ist "Krieg" ein Plädoyer gegen selbigen, jedoch nicht wie in Erich Maria Remarques Klassiker aus der Perspektive der Soldaten geschrieben, sondern aus dem Blickwinkel der zurückbleibenden Eltern, die täglich auf Nachrichten hoffen und von der ständigen Ungewissheit über das Schicksal des Sohnes zermürbt werden.

Man fühlt sich beim Hören von "Krieg" aufgrund des Schauplatzes einer einsamen Hütte in den Bergen zwangsläufig auch an Marlen Haushofers "Die Wand" erinnert. Doch während die Protagonistin dort hinter einer Wand gefangen war, ist Arnold Steins durchaus mit anderen Menschen in Kontakt, wenn auch nur in einem wohldosierten Umfang.

Jochen Rausch hat dem Hörer ein komplexes und intensives Puzzlespiel über verschiedene Perioden in Arnold Steins´ Leben vorgelegt, das man mit gewissen Vorahnungen, aber auch einigen Überraschungen peu à peu zu einem schrecklichen Gesamtbild zusammenfügt. Der deutsche Autor zeigt auf, dass Krieg auf vielen verschiedenen Ebenen stattfindet und gleichermaßen grausam sein kann. Am Ende des Stückes wird man für sich als oberste Maxime entnehmen, dass ein jeder Mensch unumwunden glücklich sein sollte, wenn er für sich und seine Liebsten konstatieren kann, dass sie in Frieden leben.

Christoph Mahnel
21.10.2013

 
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Das Buch:

Jochen Rausch: Krieg

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Sprecher: Ulrich Noethen
Mnchen: Random House Audio 2013
Spielzeit: 364 Min., 19,99
ISBN: 978-3-8371-2275-6

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